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August Wilhelm von Schlegel.
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dieser Poesie, wie im Reiche Karls des Fünf-ten, die Sonne niemals unterging.
Auch diejenigen Schauspiele Calderons inmodernen Sitten, die am meisten zum Ton desgemeinen'Lebens Herabsteigen, fesseln durch ir-gend einen phantastischen Zauber, und könnennicht ganz für Lustspiele im gewöhulichen Sinnedes Wortes gelten. Wir haben gesehen, daßdie sogenannten Lustspiele Shakespeare's immeraus zwei fremdartigen Theilen zusammengesetztsind: dem komischen, welcher in englischen Sit-ten enthalten ist, weil die komische Nachahmungörtliche Bestimmtheit fordert, und dem roman-tischen, auf irgend einem südlichen Schauplatzhinaus verlegten, weil der einheimische Bodennicht dichterisch genug dazu war. In Spaniendagegen konnte das damalige nationale Kostümnoch von der idealischen Seite gefaßt werden.Freilich wäre es nicht möglich gewesen, wennCalderon uns in das Innere des häuslichen Le-bens eingeführt hätte, wo Bedürfniß und Ge-wöhnung meistens alles zur alltäglichen Be-schränktheit herabstimmt. Seine Lustspiele en-digen, wie die der Alten, mit Hcirathen; aberwie verschieden ist das, was ihnen vorhergeht!Dort werden zur Befriedigung sinnlicher Lei-denschaften und selbstischer Absichten oft sehrunsittliche Mittel in Bewegung gesetzt, die Men-schen stehen mit ihren Geisteskräften als bloßphysische Wesen gegen einander, und suchen sichihre Schwächen abzulauschen. Hier herrschtzuvörderst eine brennende Leidenschaftlichkeit, dieimmer ihren Gegenstand adelt, weil sie überalles Verhältniß mit irgend einem sinnlichenGenusse hinausgeht. Calderon stellt uus seineHauptpersonen von beiden Geschlechtern zwarmeistens in den ersten Aufwallungen der Ju-gend, und im noch zuversichtlichen Ehrgeiz desLebensgenusses dar, aber das Ziel, nach demsie ringen, bei dessen Verfolgung sie alles übrigein die Schanze schlagen, ist in ihrer Gesinnungmit keinem andern Gute vertauschbar. Ehre,Liebe und Eifersucht sind durchgängig die Trieb-federn, aus ihrem gewagten, aber edlen Spielegeht die Verwicklung hervor, und wird nichtdurch schelmenhaften Betrug geflissentlich ange-zettelt. Die Ehre ist immer ein idcalisches Prin-zip, denn sie beruht, wie ich anderswo gezeigthabe, auf jener höheren Sittenlehre, welcheGrundsätze heiligt, ohne Rücksicht auf den Er-folg. Sie kann zur bloß geselligen Ueberein-kunst in gewissen Meinungen oder Vorurthei-len Herabsinken, zu einer Waffe der Eitelkeit,aber in jeder Entstellung wird man noch dasSchattenbild einer erhabenen Idee darin er-kennen. Wie Calderon die zarte Reizbarkeitdes Ehrgefühls schildert, weiß ich kein treffen-deres Sinnbild dafür, als die fabelhafte Sagevom Hermelin, einem Thierchen, das so sehrauf die Weiße seines Felles halten soll, daß eslieber, als sie zu beflecken, von den Jägern ver-folgt, sich dem Tode überliefert. Dies Ehrge-fühl ist in den weiblichen Charakteren Calderonseben so mächtig, es beherrscht die Liebe, die nurneben, nicht über ihm Statt finden darf. DieEhre der Frauen besteht nach der geschildertenSinnesart darin, nur einen Mann von ganzunbefleckter Ehre lieben zu können, und mitvölliger Reinheit zu lieben, keine irgend zwei-
deutige Huldigung zu dulden, die der strengstenweiblichen Würde zu nahe tritt. Die Liebefordert unverbrüchliches Geheimniß, bis einegesetzliche Verbindung sie öffentlich zu erklärenerlaubt. Schon' dies sichert sie vor der vergif-tenden Beimischung der Eitelkeit, welche sichmit Ansprüchen oder zugestandenem Vorzugbrüstet; sie erscheint dadurch als ein geheimesund um so heiliger gehaltenes Gelübde. Zwarist in dieser Sittenlehre, der Liebe zu gefallen,List und Verstellung erlaubt, was sonst dieEhre verbietet; aber es werden dennoch in derCollision mit andern Pflichten, z. B. mit de-nen der Freundschaft, die feinsten Rücksichtenbeobachtet. Die immer rege, oft furchtbar aus-brechende Gewalt der Eifersucht, nicht wie dieder Morgenländer auf den Besitz, sondern aufdie leisesten Regungen des Herzens und auf dieunmerklichsten Aeußerungen derselben, adelt dieLiebe, weil dieses Gefühl, sobald es nicht ganzausschließend ist, unter sich selbst herabsinkt. Ostlöst sich die Verwirrung, welche der Zusammen-stoß dieser insgesammt geistigen Triebfederngestiftet, in Nichts auf, und dann ist die. Ka-tastrophe wahrhaft komisch; zuweilen nimmt esaber auch eine tragische Wendung, und dannwird die Ehre ein feindseliges Schicksal für den,welcher ihr nicht Genüge leisten kann, ohnesein eigenes Glück zu vernichten, oder sogarein Verbrecher zu werden.
Dies ist der höhere Geist der Schauspiele,welche von den Ausländern Intriguen-Stückegenannt werden; im Spanischen heißen sie vonder Tracht, worin man sie spielt, Lustspiele imMantel und Degen iConaeüiss üo espa es-packa). Gewöhnlich haben sie keinen ander»burlesken Theil als die Rolle des lustigen Be-dienten, der unter dem Namen des Oiaviosobekannt ist. Dieser dient meistens bloß dazu,die idealischen Triebfedern, wonach sein Herrhandelt, zu parodiren, welches er oft auf diezierlichste und geistreichste Weise thut. Seltenwird er als wirksamer Hebel gebraucht, umdurch seine Listen die Verwicklung zu stiften,in welcher man mehr den Witz des Zufalls be-wundert. Andere Stücke heißen Coineüius ävtixuron; die übrigen Bestandtheile sind gewöhn-lich dieselben, nur ragt in der Zusammensetzungirgend eine in Karikatur gezeichnete Figur her-vor. Manchen Schauspielen Calderons kannman den Namen Charakter-Stück nicht versa-gen, wietvohl man die feinste Charakteristiknicht von Dichtern einer Nation erwarten muß,welcher rege Leidenschaftlichkeit und schwärmendePhantasie zu den Tücken der lauschenden Be-obachtung weder Muße noch Kaltblütigkeit ge-nug lassen.
Eine andere Gattung seiner Stücke nenntCalderon selbst Fcstspiele (liostssj. Sie warenzur Aufführung am Hofe bei feierlichen Gele-genheiten bestimmt; und wiewohl es dabei auftheatralischen Pomp, durch häufigen Dekoralions-Wechsel und sichtbar vorgehende Wunder ange-legt ist, auch häufig Musik eingeführt wird, sokönnte man sie doch poetische Opern nennen,d. h- Schauspiele, die durch den bloßen Glanzder Poesie das leisten, was in der Oper erstdurch die Ausschmückungen der Maschinerie, derMusik und des Tanzes erreicht werden soll.
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