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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
641-642
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641 Friedrich von Schlegel.

Kritik gegen die buchstäbliche Genauigkeit dieserErzählung noch einige Zweifel zu erheben hätte,das Resultat ist dasselbe; denn, wie da voinAristoteles erzählt wird, so ist es, wie wir ge-nau und geschichtlich wissen, obwohl nicht im-mer mit so glücklichem Ausgang, noch vielenandern wichtigen Schriftstellern ergangen, unddas zwar in den blühendsten und gebildetstenZeiten des Alterthums. Für die Vermehrungder Abschriften ist im Abendlande seit Karl demGroßen, wenigstens mir größtem Eifer undplanmäßig gesorgt, eben so sehr und vielleichtbesser als nur immer in Alcxandrien oder Rom,oder sonst in den gebildetsten Zeiten des späternAlterthums. Daß die christlichen Schriften undSchriftsteller Hiebei den Vorzug hatten, ist bil-ligerwcise nicht zu tadeln. Wie viele aber sindnicht im Abendlande auch von den heidnischenund altrömischen erhalten? Konstantinopel istnie durch die Golhen erobert, noch von soge-nannten Barbaren überschwemmt worden, bisauf die Kreuzzüge und Türkenzcit. Gleichwohlist dessen, was wir durch die Byzantiner vonder alten griechischen Literatur erhalten haben,im Verhältniß mit dem unermeßlichen Reichthumder alten Zeit, ungleich weniger, als was sichvon der ursprünglich gar nicht sehr reichen undungleich ärmern lateinischen Litteratur erhallenhat.

Es war überhaupt der wissenschaftliche Un-terricht für die Erhaltung der alten Kenntnissein den ersten Zeiten des Mitielalters sehr zweck-mäßig eingerichtet. Nebst allem, was für dasChristenthum nothwendig war, ging die nächsteSorge auf das Studium der lateinischen Spra-che, welche das Vehikel für alle jene Kennt-nisse war, sodann aus die wesentlichsten Theileder Mathematik, und endlich machte man essich überhaupt in den Klöstern zu einer Pflichtund Gewissenssache, die Werke des Alterthumszu erhalten und durch Abschriften zu vermeh-ren. Was die Sprache betrifft, die i» jenemVerhältnisse das Wesentlichste seyn mußte, solehrte man im zehnten Jahrhundert die Rede-kunst der römischen Sprache nach Cicero undLduinctilian; bessere Lehrer hatte auch das Al-terthum nicht gehabt. Daß man im cilstenJahrhundert angemessener und klarer, überhauptin sofern man noch in einer todten Sprachegut schreiben kann, besser als selbst in der letz-ten Römer-Zeit, und im sechsten Jahrhundertschrieb, ist von allen Kennern dieser Zeit undihrer Litteratur anerkannt. Nebst der Spracheund ihren Denkmahlen war unstreitig nichts sowichtig, als die Erhaltung der Mathematik,welche die Grundlage aller Naturkunde undso vieler auf das Leben einwirkender GewerbeKenntnisse und technischer Fertigkeiten ist. Dasschnelle Emporblühen des Wohlstandes und derStädte, besonders in Deutschland unter densächsischen Kaisern, der Flor der Baukunst indiesem Zeitalter, und so vieler andern Künste,die Kenntniß und Wissenschaft voraussetzen, be-weist die Fruchtbarbeit dieses Bemühens unddie Sorgfalt, die man angewandt hatte, diemathematischen und mechanischen Kenntnisse,»nd die technischen Fertigkeiten des Alterthumsnicht untergehen zu lassen.

llm meisten möchte man wohl die Trennung

Kurz. Pros. tät. II.

des Abendlandes von der Kenntniß und vonden Schätzen der griechischen Sprache beklagen.Aber auch hier fand nie eine gänzliche Tren-nung Statt. Von der Zeit an, da Karl der5 Große im Alter selbst noch griechisch lernte,und Lehrer dieser Sprache in zweien Städtendes. südliche» Deutschlands anstellte, bis zu derZeit, da die beiden letzten Ottonen aus demsächsischen Kaiserhause der griechischen Sprache10 kundig genug waren, um sie zu sprechen, wardie Kenntniß derselben in Deutschland besondersnie ausgegangen. War sie früherhin, wie na-türlich, zunächst auf die Bibel und die Kirchen-väter gerichtet, so ließ jetzt der Erzbischof Bruno15 von Köln, der aus demselben großen Kaiser-hause entsprossen war, Gelehrte aus Griechen-land in der Absicht kommen, um auch die Pro-fanschriflsteller, Geschichtschreiber und Philoso-phen selbst verstehen zu können, und andern er-2g klären zu lassen. Unter der Dynastie der säch-sischen Kaiser, welche mit dem byzantinischenHofe durch Heirath vielfach verbunden waren,erhob sich nun auch, vorzüglich im nördliche»Deutschlande, eine Menge schöner Kirchen und25 Denkmahle der Baukunst, nach dem Muster dergriechischen Sophien-Kirche, dem ersten Vorbildealler christlichen Architektur. Ueberhaupt aberwar Deutschland in diesem Zeiträume, vomzehnten bis zum zwölften Jahrhundert, nicht;;o bloß das mächtigste, sondern auch das kultivir-reste Land in ganz Europa.

So ist also der Vorwurf, welchen man ge-wöhnlich den germanischen Völkern macht, daßsie Verwilderung und Barbarei über das von35 ihnen eroberte Römer-Reich und Abendland ver-breitet haben, in der Art und Allgemeinheit,wie man ihn gewöhnlich vorträgt, vollkommenungegründet. Besonders ungerecht ist dieserVorwurf gleich in den ersten Zeiten der Lölker-.40 Wanderung, gegen die Gothen; denn diese,lange schon Christen vor der Einwanderung undEroberung, bekannt also mit der ganzen Ein-richtung des Unterrichts, und den Verhältnissendes gelehrten und geistlichen Standes, wie sie45 damals in der Römerwelt waren, haben imGanzen gar nicht zerstörend gewirkt, sondernvielmehr wissenschaftliche Anstalten erhalten undbefördert, soviel nur ihre Kräfte vermochten,und die Umstünde erlaubten. Eine Ausnahme50 davon fand nur da Statt, wo die gothischenVölker von einem fremden, wilden, heidnischenEroberer angeführt wurden, oder wo in einzel-nen Fällen Parteihaß, weil sie Arianer waren,sie gegen die Katholischen ungerecht und crbit-55 kert machte. Selbst die letzte blühende Zeit dernoch alt zu nennenden römischen Litteratur fälltunter Theodorich, und niemals hat der seinsol-lende Patriotismus der Italiener einen verkehr-teren Gegenstand ergriffen, als in dem bekann-00 ten Lieblingslhema ihrer spätern Dichter: dasvon den Golhen befreite Italien. Denn geradeunter Theodorich, und unter der Gothen Herr-schaft begann für Italien wieder eine glücklicheZeit, und eine neue Morgenröthe, die nur all-05 zubald ein Ende nahm. Das wahre Elend unddie eigentliche Barbarei begann, als die Golhenwieder vertrieben waren, und Italien von by-zantinischen Eunuchen und Satrapen unterdrücktund ausgesogen ward. Ueberhaupt gibt es keine