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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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643-644
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643 Friedrich von Schleqel. 644

bessere Rechtfertigung für die Einwirkung dergermanischen Völker auf das neuere Europa,als wenn man diese aufstrebende Thätigkeit, dieseFülle von Leben in dem europäischen Abcndlande,diese sich so mannichfaltig und so herrlich cnr- 5wickelnde Nationalkraft, diese Poesie des Mit-telaltcrs vergleicht und zusammenstellt mit demElend des tausend Jahre lang dahinschmachten-den byzantinischen Reichs, und sie mit diesereinförmigen Geistcserschlaffung und Ertödtung <l>vergleicht, und doch besaßen die Byrantinerallerdings viel größere literarische Reichthümerund Hülfsmittel, und manche Kenntnisse, welchedas Abendland erst von ihnen entlehnen mußte.

Es kommt auch in der Geistesbildung und Lik- 15teralur nicht so sehr auf die todten Schätze an,die man ererbt hat, als auf den lebendigen Ge-brauch, den man davon macht.

Ungünstiger war allerdings die Wirkung,wo die einwandernden und erobernden deutschen 2l)Völker, noch nicht Christen, in ihren Sittenrauher, und mit den römischen Einrichtungenund wissenschaftlichen Anstalten völlig unbekanntwaren, wie die Franken in Gallien, oder dieSachse» i» Brittannien. Will man überhaupt 25durchaus eine Unterbrechung und Zwischenzeitder Zerstörung und Finsterniß annehmen, sohat diese höchstens Statt gefunden in dem Zeit-räume von Theodorich bis auf Karl den Gro-ßen, und auch da nicht vollkommen. Denn als 30Italien unter dem byzantinischen Druck in Bar-barei darniederlag, halte sich das Licht der Er-kenntniß und der regen Thätigkeit in den fer-nen Norden, in die Klöster von Irland undSchottland gerettet, und kaum hatten die Sach- 35scn in England mir dem Christenthum diesewissenschaftliche Cultur, wie sie damahls war,überkommen, als sie bald allen andern Natio-nen des Abendlandes darin zuvor eilten, bisdann dieses Licht nach Frankreich und Deutsch- 40land verpflanzt wurde, um nie wieder zu er-löschen. Seit Karl dem Großen hat eine stete,nicht nur planmäßige Erhaltung, sondern auchunermüdete und rastlos fortschreitende Erweite-rung der Kenntnisse Statt gefunden, so daß 45man eigentlich die Epoche der Wiederherstellungder Wissenschaften, welche genauere Geschicht-forscher schon bis in das Zeitalter der Kreuz-züge zurück verlegen, mit Karl dem Großen an-fangen müßte. Selbst in der finstersten kurzen 50Zwischenzeit vorn sechsten bis zum achten Jahr-hundert, fing jenes wissenschaftliche Institut sichan zu bilden, was durch Karl begünstigt undallgemein begründet, die ausgedehnteste Wirk-samkeit erhielt; jene dem Abendland eigenthüm- 55liche Einrichtung gelehrter Klöster, und einerfür das allgemeine wohlthätigen Geistlichkeit.Diesen so zweckmäßig eingerichteten geistlichenCorporationen, welche die Länder urbar mach-ten, die Völker bildeten, den Staat befestigten, 60und die Wissenschaften unermüdet erweiterten,verdankt eigentlich das neuere Europa seinenachmahlige Ueberlegenheic über die Byzantiner,welche ihm an ererbten Vorkenntnissen, undüber die Araber, welche ihm an äußerer Macht 65und Hülfsmitteln so weit überlegen waren.Vergleicht man die poetische Armuth eines Al-fred, die frugale Einfalt, in welcher der Er-oberer Karl lebte, die beschränkten Hülfsmittel

beider auch in ihren wissenschaftlichen Unter-nehmungen , mir dem Reichthum, dem Glanz,der Verschwendung, die ein Harun al Raschid,oder andere Cbalifen und Sultane, als unum-schränkte Beherrscher der reichsten Länder desOrients, über ihre wissenschaftliche Einrichtun-gen verbreiten und ausschütten konnten, so er-scheint das Abendland dagegen dürftig und mußweit zurückstehen. Dennoch hat es in der Folgeden Sieg davon getragen, zum sichern Beweise,daß die Wissenschaften besser gedeihen durch In-stitute, die vom Staate und den äußern Ver-hältnissen unabhängig, Jahrhunderte hindurchim Stillen anwachsen, und ungehindert sichausbreiten, als durch die vorübergehende Gunstund Willkühr eines Herrschers, der darin zu-nächst nur seinen eignen Ruhm, und einen äu-ßern Glanz sucht. Am meisten hat daher Karlder Große auf die Kultur der Nachwelt dadurchgewirkt, daß er jenen wissenschaftlichen Institu-ten und geistlichen Korporationen ihre Dauerund Unabhängigkeit sicherte, und ihre allgemeineAusbreitung möglichst beförderte. So groß in-dessen auch Karls Verdienste um Geistesbildungund Litteratur, sowohl die lateinische, als dieder Landessprache waren, so läßt sich nichtläugne», daß Alfred, der selbst Forscher, ja fürsein Zeitalter ein Gelehrter war, besonders indein Anbau der eignen Sprache noch mehr ge-leistet hat. Als aber in England die Einfälleder Dänen nachthcilig wirkten, und von dem,was Karl in Frankreich und im südlichenDeutschland für Geistesbildung eingerichtet undbegründet hatte, dort die Normänner, hier dieUngarn manches zerstörten, so blühte bald da-rauf unter den sächsischen Kaisern eine Kulturauf, die in jeder Rücksicht der frühern unterKarl und Alfred überlegen war. Besonders anguten Geschichtschreibern war damals Deutsch-land reich, ja reicher als jedes andere Land i»Europa, von Eginhard, Karls Geheimschreiberan, bis auf Otto von Freysingen, einem Für-sten aus dem Hause der Babenberger, SohnLeopolds des Heiligen, und Oheim jenes gro-ßen Barbarossa, aus dem Kaiserhause der Hv-henstausen; wozu auch das beitragen konnte,daß Deutschland damahls der Mittelpunkt allerpolitischen Verhältnisse war. Mönchs-Chronike»pflegte man sonst mit einem allgemeinen weg-werfenden Namen alle lateinischen Geschichts-werke des Mittelalters, weil sie von Geistlichenherrühren, zu nennen ; indem man vergaß, daßdiese Schriftsteller, zum Theil von fürstlicherGeburt, mit allen Staatsverhältnissen nnd Ge-schäften vertraut, überhaupt die unterrichtetstenund gebildetsten Männer ihrer Zeit, am bestenfähig waren, die wichtigsten Begebenheiten des-selben mit gesunder Beurtheilung zu überschauen,oder auch durch eigne Reisen im Stande, d>-Sitten entlegner Völker des Morgenlandes/oder des »och weniger bekannten Nordens, «ssAugenzeugen ihren Zeitgenossen mit Klarh"darzustellen. So pflegte man oft in derabsetzung des Mittelalters ganz streitende u»°sich widersprechende Vorwürfe auf einander zhäufen. War von dem Verderben der Gem-lichkeit die Rede, so hieß es, sie beherrsch"'weikläuftige Länder, sie lebten wie Fürsten usie lenkten alle Staatsgeschäftc. Kam u