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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
667-668
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Ludwig Tieck.

VV8

Baker fällt und liegt in seinem Blute. DasPistol aus dem Gürtel reißend, in Verzweiflungdie Mündung vor die Stirne setzend, noch ein-mal den Namen Louise, der Geliebten, nennend,liegt der Hauptmann getödtel neben der unse-ligsten aller Bräute."

„Um Gottes willen!" schrie Louise laut undkreischend auf. Die Mutter lief zu ihr undnahm sie in die Arme. „Böser Mensch," sagtesie, „so mein Kind zu ängstigen und zu er-schrecken!"

„Nein, es ist unerträglich," rief Louise,noch blaß und zitternd aus; „alle diese ncumo-digen Geschichten sind mehr als verhaßt: eineschreckliche Angst ergreift uns, wenn so dasLebe» und Alles, was den Inhalt desselben aus-machen kann, aus eine unsinnige Spitze hinauf-getrieben wird, um das als das Vergänglichsteund Unsinnigste hinzustellen, was als das Fe-steste und Nothwendigste uns immerdar tröstenund beruhigen muß."

„Sonderbar!" sagte Mansfeld; „ich solletwas allgemein Bekanntes erzählen, und werdevon meinen Zuhörerinnen, die es mir befohlenhaben, nach der Reihe ausgeschalten. Und dochist es nur der Name Louise, der Sie, Theuerste,zuletzt so über die Gebühr erschreckt hat, dennsonst ist für unser Jahrzehend diese Geschichtefast eine alltägliche zu nennen. Während mei-nes Lortrages haben Sie sich überhaupt denFehler zu Schulden kommen lassen, daß Siesich alle immer mit den dargestellten Personenverwechselten; darüber ist das reine, unbesto-chene Interesse verloren gegangen. - DasSchlößchen selbst wurde aber bei diesen Krieges-vorsällen fast ganz zerschossen und verbrannt;es ist erst nach dem Frieden wieder von einemweitläufigen Verwandten des letzten Besitzershergestellt worden, und zwar in der Art undWeise, wie wir es alle kennen. Daß aber seit-dem der Spuk toller als jemals tobt, daß Ko-bolde Tag und Nacht das Haus und selbst dieGegend beunruhigen, daß Pferde dort wild undHunde und Stiere toll werden, daß alle Sor-ten von Geistern sich zeigen und Ahnungen,Stimmen, Geschrei, Geheul dort rumoren undihr Wesen treiben, ist Jedem begreiflich undNichts weniger als rächselhaft, der nur etwasmit der Etlikette und den ganz natürlichen Fol-gen solcher unnatürlichen Blutschuld und sogräßlichen Mordes bekannt ist."

„Und in dem unglückseligen Hause," klagtedie Mutter weinend, „sollen wir nun wohnen?"

Louise sagte: „der Eigenthümer, wie mirschon gestern Herr Mansfeld sagte, soll es bloßwegen des tausendfachen Elends, was er dortschon erlebt, meinem Vater verkauft haben."

Alles," fügte Mansfeld hinzu, „ist noch langenicht gesagt und geschildert, denn dazu wirdmehr Zeit erfordert. Entsetzlich ist es auf jedenFall und kann wieder neue tragische Folgen nachsich ziehen."

„Ja , ja," sagte der alte Freimund, derschon seit einiger Zeit in der Dämmerung desHintergrundes stand, ohne daß einer sein Ein-treten bemerkt hatte, „so ist es, und die Ein-weihung des furchtbaren Ortes so wie dasVerlöbniß meiner Tochter soll heute oder mor-gen gefeiert werden. Und ohne Widerrede zwar

und ohne den Einspruch irgend eines dummenGespenstes."

Der Hauptmann Carl von Wildenstein saß5 am Fenster seiner Wohnung, neben ihm seinFreund Ferdinand. Die Reiter begaben sichnach vollendetem Manöver in ihre Quartiereund zogen durch das leichte, offene Städtchenmit fröhlicher Feldmusik. Carl war finster und10 übel gelaunt, er schien sehnlich jemand zu er-warten, denn immer wieder sah er mit gespann-tem Auge nach dem Ausgang der Gaffe, diein's Feld hinausführte. „Ich bin in der be-drängtest«: Lage von der Welt," rief er endlich15 aus: „keine Nachricht von ihr, und mein Vater,der mir helfen sollte, läßt auch auf sich warte»!Der alte Mann, der über Alles lacht, meintimmer, es werde sich schon geben, für jedesUnglück sei auch ein Mittel da, man müsse nie-20 mals die Hoffnung aufgeben, am wenigstenverzweifeln. Als wenn hier noch viel zu er-warten wäre! Auf welchen Zufall soll ich dennrechnen?" — „Endlich!" rief er mit fröhlicherStimme: Ein Bote kam keuchend und ermüdet25 an, und übergab einen kleinen Brief. Mit je-dem Worte, das der Hauplmann vom Blattegierig las, ward seine Miene finsterer, seufzendfaltete er das Papier wieder zusammen undwarf sich mit dem Ausdruck des bittersten Ver-50 drusses in den Stuhl. „Nun?" fragte Ferdi-nand, „keine Hülfe, kein Trost, keine Aus-sicht?" „Lies selbst!" antwortete der Haupt-mann: „mein Sinnen ist zu Ende; wenn keinZufall, kein Glück vom Himmel fällt, so kommt35 aller Rath zu spät."

Ferdinand las: „Mein Geliebter! wie eswerden soll, begreife ich nicht. Mein Vater istdem Deinigen unversöhnlicher, als jemals, mor-gen sollen wir aus dem sogenannten Zauber-40 schlöffe, dem neu angekauften kleinen Gute,Nachmittag und Abend zubringen. Das Festder Einweihung soll zugleich durch den Herrnvon Dobern verherrlicht werden, an den schongeschrieben ist, und welcher gewiß nicht ausblei-45 den wird. Kommt er, so weiß ich nicht, wieich dieser verhaßten Verlobung, die am nämli-chen Abend morgen ausgesprochen werden soll,entgehen kann. Denn mein Vater nimmt keineEinwendungen an, und selbst das Vermitteln50 des Deinigen würde uns nicht weiter führe»,man würde den General gewiß nicht anhören,ihn sogar nicht vorlassen, wenn er auch persön-lich erscheinen wollte. An meiner Mutter habeich auch keine Hülse, die, wenn sie auch das55 Verfahren des Vaters nicht ganz rechtfertigenkann, doch viel zu schwach ist, mit einem be-stimmten Widerspruch gegen ihn aufzutrelen-Du bist als Soldat gebunden: und sollten w>edenn wagen, der Welt ein Aergerniß zu geben,00 damit Du Dich hernach Dein Leben hindurchunglücklich fühltest? Wenn ich mich auch bra>l>-stellle, und mein Befinden ist in der That >o,daß nicht viel Heuchelei nöthig wäre, so würdauch dieß nicht weiter führen, denn über all05 diese Schwachheiten, wie er sie nennt, lacht »umein Vater. Wenn der verhaßte Bräutigasich nur nicht meldete, so wäre wohl die »ach!und sicherste Hoffnung, daß der Larer auf u-nige Lage, wohl auf länger, dir ganze Säe?