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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
669-670
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Ludwig

vergessen würde, so wie es ihm so oft begeg-net. Aber wie schwach ist dieser Trost! dennder Verhaßte, dessen Ankunft ich fürchte, istnicht so zerstreut nnd vergeßlich. Ich bin derVerzweiflung nahe. Weißt du keinen Rath und 5keine Hülse, so bin ich verloren! Mit Thränenumarme ich Dich."

Lo u ise.

„Eine so verwünschte Situation," rief Fer-dinand, „wie es nur irgend eine im Leben geben 1»kann! Wäre sie nur fort, aus dem Hause, ir-gend wohin entflohn, oder entführt."

„Den Muth hat sie leider nicht," antwor-tete der Hauptmann, „und ich darf keine»Schritt thun, der mich als Offizier kompro- l 5mittirt."

„So können wir also nur lamentiren," er-wiederte der Freund. „Wie kommt aber nurdieser seltsame Haß in eure Familien? DeinBarer, der General, ist ja die Güte selbst, und 20so heiteren Frohsinns, daß er mir allen Men-schen leicht zu leben weiß, er ist mit Niemandverfeindet, und so wie man mir den Rath Frei-mund geschildert hat, ist er auch nicht von je-nen Zornwülhigen, die überhaupt in unsern 25Tagen wohl nicht so zahlreich sind, als sie invorigen Zeiten mögen herumgetobt haben."

„Die Sache," erzählte der Hauptmann, istlächerlich, wenn sie nicht mein Unglück herbei-geführt hätte. Der Handel, der den alten Frei- 30mund so empört und zum unversöhnlichenFeinde meines Vaters gemacht hat, ist schonvor siebzehn Jahren, oder noch längerer Zeitvorgefallen. Mein Vater stand damals alsMajor in jener großen Stadt an der Grenze. 35Freimund war dorr Assessor. Die beidenMänner waren befreundet, so ungleich sieauch waren. Freimund war ernsthaft, verschlos-sen , ganz und gar den Geschäften hingege-ben, Spaß, Muthwille, Laune, und alle 40jene Schwänke und lustigen kleinen Abenteuer,die eine tolle Jugend unternimmt und veran-laßt, waren ihm verhaßt und verächtlich: führteer sein Geschäft und Leben mit einem fast stei-fen Ernste, so wurde er nicht selten in seiner 45Feierlichkeit um so mehr beschämt, wenn seinzerstreutes Wesen, das ihn schon damals cha-rakterisirte, Scenen und komische Situationenherbeiführte, die Witz und Laune selber nichtlächerlicher hätten erfinden können. Doch war 50mein Vater der Erfinder eines Spaffcs, denich nicht loben mag und der die beiden Männerauf immer trennte. Das Militär und verschie-dene vom Adel hatten in jener Stadt ein Pri-vattheatcr errichtet, und mein Vater, wohl ge- 55baut, heiter, belesen, mit einer schönen undausdrucksvollen Stimme begabt, galt j» jenenZirkeln für den Gelehrtesten und für den, wel-cher in den schönen Künsten die meiste Erfah-rung hatte und das sicherste Urtheil befaß. 60So kam es denn, daß, ohne daß er es gesuchthatte, er nicht nur der vorzüglichste Schauspie-ler, sondern auch der Direktor der Anstalt wur-de. Die höheren Stände nahmen an diesemVergnügen den lebhaftesten Antheil, da sie seit 65lange eines guten wirklichen Theaters hattenentbehren müssen. Freimund ärgerte sich andieser Unterhaltung, die manchem Beamten un-verhältnißmäßig viele Zeit koste, die den jungen

Tieck.

Leuten ein eitles Vertrauen in den Kopf setzeauf ein Talent, das sie doch nicht hätten, dieLiebschaften abgerechnet, die sich dort anspönnen,so wie die Intriguen, die gegen Eltern undVormünder in den Gang kommen müßten.Mein Vater suchte ihn zu begütigen und ihmdie Sache aus einem frohern Gesichtspunktevorzustellen, aber vergebens. Seine bittereKritik war vielen Thcilnehmern verdrüßlich,weil sich durch seine laut ausgesprochenen mo-ralischen Betrachtungen manche junge, schöneMädchen aus guten Häusern abhalten ließen,so öffentlich vor den Augen der großen Stadtin verliebten oder schalkhaften Rollen aufzutre-ten. Es ward daher der Stolz und die Auf-gabe, welche die Eitelkeit vieler Mitglieder sporn-te, den strengen Moralisten, der bis jetzt nochnie einen Zuschauer hatte abgeben wollen, selberanzuwerben und zum Auftreten und Spielen-irgend einer komischen Rolle zu bewege». DieseAnträge wies er aber mit Zorn und Hohn zu-rück. Mein Vater, übermüthig sich vertrauend,ging mit den reichsten der Theilnehmer einehohe Wette ein, daß er den Stoiker dennoch,und zwar recht bald zum Auftreten bewegenwürde. Freimund hörte von dieser Anmaßungund schalt meinen Vater, der sein Geld an eineso tolle und widersinnige Wette verlieren müsse,da er ihm sein Ehrenwort gebe, daß er niemals,unter keiner Bedingung, in ein so unziemlichesAnsinnen einwilligen würde. Run gut, sagtemein Vater lachend, so habe ich denn freilicheine bedeutende Summe verloren, und ich setzem:ch deinem rechtmäßigen Tadel um so mehraus, da ich schon Vater bin, und meine junge,schöne Frau mich gewiß mit noch mehr Erbenbeschenken wird. Doch Freund, so groß istmeine Wuth zu wetten nun einmal, daß ichdir dasselbe Spiel anbiete, wette auch mit mir,ich will auch dir abgewinnen, oder du sollstebenfalls von meinem Leichtsinn deinen Vortheilziehen. Freimund mußte selbst über diesen tol-len Vorschlag lachen, weigerte sich lange, waraber gezwungen, endlich nachzugeben, und eineziemlich hohe Summe wurde festgesetzt, die meinVater verlor oder gewann, wenn innerhalb einesJahres Freimund auf der Bühne mitspielenderschienen sei, oder so lange hartnäckig sei»Auftreten verweigert habe. So vergingen einigeWochen. Mein Kater harre aber nicht sowohlauf das theatralische Talent seines Freundes,oder auf seine Lust gerechnet, die auch wohleinmal den Ungeschickten antreibt, die Bretterzu betreten, als vielmehr auf jene Gabe derZerstreutheit und des Vergesscns, die dem flei-ßigen Freimund zuweilen selbst bei seinen Ar-beiten störend war. Ein heitres Lustspiel wardwieder gegeben, eines von jenen locker zusam-mengesetzten, in denen Scenen ohne Nachtheilfehlen können, wie man auch, ohne das Gedichtzu stören, andre hinein legen kann. Der Saalwar überfüllt, mein Vater, der Regisseur war,hatte mit denen, die im Wechsel der Scenezunächst auftreten sollten, eine vorläufige un-bestimmte Abrede getroffen. In einem Billethatte er Freimund benachrichtigt, er müsse ihnnoch an diesem Abend, wegen eines sehr noth-wendigen Geschäftes sprechen, er bäte ihn daherdringend, auf dem Theater selbst zu ihm zu