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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
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Ludwig Tieck.

hie uud da aus der spanischen Literatur etwas»Neues zu erfahren hoffte; der Edelmann, wel-cher nach Abgang von der hohen Schule seinemilitärische Laufbahn beginnen wollte, war et-was heftig, sogar jähzornig, sonst aber heiterund aufgeweckt, bis zum Uebermuth. Nun, ichwar denn ich- Der vorzüglichste und hellsteKopf von uns ?Rlcn war aber ohne Zweifelder junge Jurist, ein ernsthafter Jüngling, derimmerdar seinen Studien oblag, und an demvielleicht gar Nichts wäre auszusetzen gewesen,wenn er nicht manchmal an Zerstreutheit undAbwesenheit gelitten hätte. Der schönste Mannin unserm kleinen Zirkel war der Kavalier,schlank, feuriges Auge, edler Physiognomie: umso auffallender stach aus dem reinen weißenAntlitz, auf der Nase selbst, ein ziemlich größerund recht brauner Leberfleck hervor.

„War dies eine auffallende Eigenthümlich-keit im Aeußern des Edelmanns, sotreffliche, gelehrte Jurist eine seltsame Gewohn-heit, die uns alle, die wir ihn näher kannten,dahin stimmte, ihm ungern Bücher zu leihen.Denn im Studiren konnte er es nicht unter-lassen, jeden Slrohfleck im Papiere, jede kleineErhebung in demselben mit dem Nagel herauszu kratzen. Da es nun nicht unbekannt ist,daß unsere deutschen Papiere an diesen Dingen,die wirklich, streng genoissmen, nicht zum ei-gentlichen Papiere gehören, einen großen Ueber-fluß haben, so mangelte es dem jungen Juristenniemals während der geistigen auch an derHandarbeit, und er war so unermüdet, selbstleidenschaftlich, daß viele Bücher, die er studirthatte, voll Löcher sparen, in welcher auf dereinen oder der andern Seite wohl einige schuld-lose Buchstaben mit gestürzt wurden "

Mutter und Tochter sahen den Vater an,an welchem sie dieselbe Eigenheit kannten.

,,Jn unsern Lehrstunden," fuhr Schwiegcrfort, „lasen wir, als wir etwas vorgeschrittenwaren, Cetvantes Novellen, die uns der Pro-fessor vortrefflich erklärte. Es fehlte aber anExemplaren, und der Theologe und ich arbei-teten in dem einen, der Edelmann und Juristim zweiten: der Professcr war seiner Sache sogewiß, daß er kein Buch nöthig hatte. Andem alten, seltnen Exemplar, in welches derJurist mit hineinsah, hatte dieser schon mancheUnebenheit mit seinem kritischen, fein fühlendenNagel geebnet, manche Faser, kleines Herel,oder was es war, künstlich aus dem saubernText herausgearbeitet. Wer sich dieser Uebunghingeben will, hat bei der spanischen Literatur,die neuen Bücher aberechnet, alle Nägcl voll zuthun. An einem Tage machte ich aber dieEntdeckung, daß mein juristischer Milstudcntin seiner Zerstreutheit auch andern Unebenhei-ten jenseit des papiernen Reiches den Krieg er-klärte und ihnen abhelfen wollte. Indem erneben dem Edelmann in das Buch sah, kamendie Nasen der Spekulirenden einander ziemlichnahe: sahe der Jurist nun an jenem den Le-berfleck zum ersten Male, oder brachte diesertiefer, als sonst, die Nase in das Buch, kurz,der zerstreute und doch tiefsinnige Jurist, Buchund Nase an jenem unseligen Tage verwechselnd,erhob den feinen und zu dergleichen Aetzarbeitgeübten Finger und kratzte und arbeitete an

dem Leberflecke jener Nase erst fein und leiseim mäßigen Tempo, dann eifriger und schnellererst in der prickelnden, dann in der schabendenManier, so daß ich, der ich gegenüber mir Si-5 cherhcit den Gang der Radiernadel beobachtenkonnte, besorgt sein mußte, daß in der Länge,wenn auch der Leberfleck sich vertilgen ließe,die Nase selbst, der Grund und Boden, aufwelchem jener wuchs, bedeutenden Schaden lei-10 den möchte. — "

„Ich weiß nicht," sagte Frcimund, „wo ichisse einfältige Geschichte schon sonst muß gehörthaben, denn sie ist mir nicht unbekannt. — "

— „Der Edelmann," fuhr Schwiegcr fort,15 „schien Mfangs erstaunt, bewegte sich nicht undließ den Arbeiter gewähren, vielleicht neugierig,was sich aus dieser Unternehmung ergeben solle.Endlich aber doch erhob er das Gesicht zusammtder Nase aus dein Buche, sah den Kratzenden20 groß an, und that die billige Frage: Warum,Herr, oder aus welcher Absicht, kratzen Sie miran der Nase?. »

„Ich?" erwiederte der Jurist erstaunt, „daßich nicht wüßte."

25 „Ja, mein guter Herr, wenn Sie es also.noch nicht wissen, so erfahren Sie denn, daßdieses hier bis jetzt meine wahre, eigenthümlicheNase gewesen ist und auch in Zukunft blei-ben soll."

30 „Ich war der Meinung," sagte der Jurist,der Fleck dort sei nur hier im Buche."

„Ich bitte mir aber zu glauben," sagte derEdelmann schon heftiger, daß er wirklich aufmeiner Nase ist, und wenn Sie mir nicht glau-35 ben wollen, so können es diese Herren, so wieder Herr Professor selbst, bezeugen."

Der Herr Professor, der sehr kurzsichtigwar, hatte von jenem Nasenanfailc nichts be-merkt, und da die Stunde überdies geendigt40 war, verließen wir das Haus-

„Unmöglich," sagte der Edelmann auf derStraße, kann ich glauben, daß Sie, mein Herr,mein Gesicht mit jenem gedruckten Buche habenverwechseln könne», Sie haben offenbar Händel45 an mir gesucht, und ich stehe Ihnen zu Befehl.Der Theolog hatte sich entfernt, ich suchte dieSache wieder gut zu machen, aber sie warschon zu weit böse, und es konnte ohne Duellnicht abgehen. Das ist dein Duell, mein wer-50 thcr Freimund, in welchem ich dein Sekundantwar. Du und dein Gegner, ihr wurdet Beideverwundet, bald geheilt, und auf lange Zeit diebesten Freunde."

„Es ist wahr!" sagte Freimund, „jetzt er-55 innere ich mich der Sache wieder."

„Und wer war dieser Gegner?" fragte dieMutter.

„Wer anders," antwortete Schwieger, „alsunser General, mit dem jetzt unser Alter schon60 seit so lange verfeindet lebt. Der Herr trägtimmer noch denselben Leberfleck an seiner mar-tialischen Nase, nur daß er in dem braun ge-wordnen Gesicht nicht mehr so hervorsticht."

So wie Schwieger den General genannt65 hatte, sprang Freimund auf und stampfte mitden Füßen. Er hatte sich aber mir so wenigerVorsicht erhoben, daß er heftig an den Tischstieß, und die kleine, schwach brennende Lampeumwarf I» demselben Augenblick war die