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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
689-690
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Ludwig Treck.

Gesellschaft in der dickste» Finsterniß begraben.,,O weh!" jammerte die Dichterin, „wie vieleUnfälle müssen sich vereinigen, um den heutigenLag und Abend und die Nacht merkwürdig zumachen!"

„Ja wohl!" sagte Mansfeld, „nun wissenwir erst, welchen Schatz wir an unserer kleinennuscheinbarcn Lampe, die allen Glanz verschmähte,besaßen! So geht es immerdar im Leben."

„O Kinder," sagte die Mutter, „keine Scherzejetzt: laßt uns doch Licht suchen, denn alle Ge-schichten von dem schlimmen Hause fallen mirjetzt ein, und in der Finsterniß kann uns jawas Schreckliches begegnen! O weh!" so schriesie auf, denn der umhertappende Freimund fuhrihr so eben mit der starken Hand über das Ge-sicht. „Ruhig," sagte der Vater, „ich sucheden Ausgang."

Mansfeld, der behendeste, hatte die Thürezuerst gefunden. Der alte Gärtner schlief schonseit lange. Als man ihn mit vieler Mühe er-muntert hatte, als er begriff, was man vonihm wolle, gestand er, daß er kein Oel mehrin Borrath habe, und schlief weiter. Mansfeldtappte zurück. „Sind noch Alle hier, und wo?"rief er in den Saal hinein.

„Hier! hier!" riefen die Stimmen zornigoder beklommen durch einander. „Himmel!"ächzte die Dichterin, „das Unwesen yeul ist schlim-mer, als eine wirkliche Gespenstergeschichte. Mankommt nicht aus dem Grauen und den Schau-dern."

„Bleiben wir nur wenigstens im Winkelhier stille sitzen," sagte Louise, „bis es endlicheinmal wieder Tag wird."

„Ich schlage vor," sagte Mansfeld, „undhalte die Arme steilrecht am Leibe hinunter, umkeinem von Ihnen ins Gesicht zu schlagen —daß wir uns bei unserer Noth an den Hecrdin die Küche machen, jenes bescheidene Feuer,bei welchem unser sitriges Abendessen gesottenwurde, wieder anzufachen suchen, um wenigstensunterscheiden zu können, in welchem Welttheilwir uns befinden. Von Ländern oder gar Pro-vinzen kann bei dieser finstersten Finsterniß garnicht die Rede sein. Nun fragt sich nur, wervon uns getraut sich, in diesem uns ganz un-bekannten Hause die ehemalige Küche wieder zuentdecken?"

Alles schwieg. „Wenn man nur nicht,"sagte Schwieger verdrießlich, „indem man aufsolche Entdeckungen ausgeht, noch Arm undBein, oder gar den Hals bricht, denn man kannauf Treppen, Stiegen und Stufen gerathen,auf unsichtbare Fallthüren treten, in ungeahnteKellergeschosse hinunterstürzen, und am Endediese gerühmte Verlobung noch mit einem Lei-chenmahl beschließen. An diese Weihe des furcht-baren Hauses werde ich gedenken!"

„So will ich selbst mein Heil oder Unheilversuchen!" rief Mansfeld; „ich weihe mich denunterirdischen Göttern, gehe ich zu Grunde,Freunde, so setzt dankbar meinen Aschenkrug zuden übrigen Töpfen dieses noch unbekanntenHeerdes. Sollte ich, ein zweiter Columbus,glücklich landen, so werde ich aus der Fernelaut schreien, und Ihr könnt alsdann sichermeinem großen Rufe nachfolgen, um Feuer undlaicht zu zünden. — Aber noch eins, Herr vonKurz, Pros. kit. II.

Freimund, liegen auch nirgend, wie es bei soeinsamen Schlössern wohl manchmal der Fallist, Fußeisen oder gar Selbstschüffe?"

Die Dichterin schrie so laut vor Entsetzen5 auf, daß die andern Frauen mitschrieen, in derVoraussetzung, es sei ihr eben ein furchtbaresUnglück begegnet. „Wasgiebls? Ums Himmels-willen , was giebts?" riefen die beiden altenMänner aus voller Kehle. Und Mansfeld schrie10 draußen: „Wahrlich! der Schuß ist schon ge-fallen!" Alles lärmte, klagte, fragte, überschrieden andern, und keiner hatte den Muth, vonder Stelle zu weichen, um nicht ebenfalls un-glücklich zu werden. Endlich benutzte Freimund15 eine kleine Pause und donnerte: „Schweigt!Alles geschwiegen! Frau! bist du noch da?" —„Ja!" — „Ist dir was begegnet?" — „Nein."- „Dir, Louise?" — „Rein!" — „Der FrauDichterin?" — „Gottlob, bis jetzt noch nicht,20 aber" — „Dir, Freund Schwieger?" — „Nein,außer daß ich hier bin!" — „Mansfeld!" —„Ich stehe hier außen und tappe nach der Küche,und schrie mit, weil ich denken mußte, drinnenhabe der Satan einigen schon den Hals umge-25 dreht, oder eine ganze Räuberbande sei einge-brochen, um Alle zu ermorden."

„Nun also," rief Freimund, „so dankt Gott,daß Ihr Alle »och lebt, und jetzt bitte ich mirsoviel Vernunft aus, was in der That nur we-3» nig ist, daß Alles sich so lange schweigend ver-hält, stockstill auf seinem Stuhl sitzen bleibt,bis unser Küchenenldecker den Heerd gefundenhat, bis ein kleines Flämmchen dort wiederbrennt, und wir einander wieder ansichtig wer-35 den, denn es scheint wirklich, daß der Mensch,wenn er ohne alle Erleuchtung ist, nicht ver-ständig sein könne."

„Noch finde ich nichts Bedeutendes," riefMansfeld zurück, „als einen leeren Raum, der40 sich fast allenthalben betreffen läßt, wo die übri-gen interessanteren Gegenstände ein Ende neh-men. — Hier stoße ich auf eine Wand. Sogarein Wandschrank scheint sich hier angesiedelt zuhaben. — Fensterladen werden es doch nicht45 sein! - Schlimm, daß von den vielen Bericht-erstattern, Reisebeschreibern, keiner einen Guidenoch herausgegeben hat, damit ein armer Ler-irrter sich nach jenem berühmten Küchenheerdehinsinden könnte. — Eine Thür, — nein, ein50 Fenster, — was in dem Augenblick für eineMasse von Dunkelheit hereingequollen ist! —Es war wirklich vorher um ein Weniges Heller.— Ich wende mich links. — Richtig, ich binauf einem Gange, denn gegenüber, wenn ich55 beide Arme ausstrecke und etwas taumle, istebenfalls eine Wand. — Halt! hier stoß jxh anetwas. — Ich bücke mich. — Triumph! es istdie kleine irdene Schüssel des tauben Zauberersund Riesen, der jetzt schläft — in dieser trug60 er selbst die Kartoffeln herüber. - Wir sindauf dem Wege. — Das giebt uns ähnlichen^ Muth wie dem Columbus und seinen Gefähr-ten, als sie schon verzweifeln wollten, jene Land-vögel, die sie begrüßten. — Sacht! ich habe eine»65 Topf entzwei getreten. - Das Geschrei der ge-mordeten Indianer. — O weh! meine Nase istlädirt! Da kam mir eine Thür, die Dunkelheitbenutzend, so schnell entgegen, daß ich unmöglichausweichen konnte. - Ich klinke auf. - Ich44