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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
693-694
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Ludwig Ticck.

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seinem Wagen Platz nehmen: die Herren aber,von den beiden Reitern begleitet, auf dem schlich-ten Bauerwagen nachfolgen. Der alte Seba-stian riech zwar murrend, den Tag erst abzu-warten, weil die Nacht keines Menschen Freund 5sei; er ward aber überstimmt und ging ver-drüßlich fort, seine beiden muthigen Rosse an-zuschirren.

Als man noch über die Abfahrt, über Ver-lobung und andere Dinge sprach und stritt, als 10die Dichterin und die Mutter Louisen zurede-ten und Freimund und Schwieger mit einanderzankten, sagte Mansfeld: „Dies Alles, meinegeehrten Freunde, wird, wenn ich nicht sehrirre, sich in der ruhigen Stadt besser berathen 15und abmachen lassen; denn in der That, mirscheint es endlich auch, als sei hier in diesemZauberjchloffe alles nur auf Verwirrung gestellt.Wäre dies die Nacht des ersten Mais, so könntees ja nicht schlimmer hergehn, und wir haben 2gheut in der That eine Walpurgis im Kleinengefeiert."

„Nur der Hauptvorsteher dieses Festes," sielSchwieger verdrießlich ein, „hat bis jetzt gefehlt,oder bis dahin nur die Sachen unsichtbar ge- 25lenkt und angeordnet."

„Käm' er nur in Person," rief Freimund,daß man ihn doch wenigstens zur Rede stellenkönnte!"

„Hervor, Alter!" rief Mansfeld im tollen 3gMuthe, der ihn jetzt von neuem anwandelte.„Heraus aus deiner alten Behausung, du Un-freundlicher, Widerwärtiger! So wie der großeKönig Vngurd stehe ich hier, stampfe den Bo-den und beschwöre dich, uns sichtbarlich zu er- 35scheinen, wenn du irgendwo als Wesen bist,webst, lebst oder eristirst, sonst werden wir kur-zen Prozeß mit dir machen, dir den Stab bre-chen und behaupten, daß du nirgend in reruiuoaturs als Ding sehst!" 4 g

„Malen Sie den Bösen nicht an die Wand!«sagte die Mutter schüchtern.

„Aber poetisch macht sich die Sache doch,"flüsterte die Dichterin, und diese feinere odererhabenere Art von Schauder hat uns in dieser 45Nacht noch gemangelt."

Indem der Vetter und der Landrath, soviel es die Lichter erlaubten, das Schauspiel be-trachteten, welches ihnen der übermüthige Mans-seld gab, und sich ihm näherten, wichen die 5gFrauen geängstigt nach der Wand zurück.

„Wie man nur immerdar so verdreht seinkann!" bemerkte Freimund; „und erwirb auchdes Dinges und alles dieses Spaßes nicht über-drüssig." ^

„So komm denn, erscheine!" fuhr Mans-feld in seiner Beschwörung fort; „bist du dennvielleicht der Geist des Lergessens, der Zerstreut-heit, jener sonderbaren Abwesenheit, und bist ggdu wobt gar nur in dieser persönlich gegenwär-tig ? So komm denn, du, mir dem irre», schie-lenden Blick, laß die Wasser in Ruh, die durchdeinen Drang übertreten und zerstören, hemmeden unnützen Regen, der dem Landmann die 65Heuernte verdirbt; bist du irgendwo heut inder Küche oder im Keller, im Mißverständnißdes tauben Gärtners, oder im Verderbniß ed-ler Manuskripte und Dichtungen thätig gewe-

sen, so komm, melde dich, tritt auf, zögre nicht,wir sind deiner gewärtig."

„Sogleich! im Augenblick!" rief eine Stim-me dumpf aus dem Fußboden herauf. — Alleentsetzten sich, selbst Mansfeld fuhr mit einemSchrei des Entsetzens zurück, die Frauenzimmerkreischten und drängten sich näher zusammen.Auch Schwieger und Freimund, so wie der Land-rath und der Vetter begriffen das Wunderbaredes Ereignisses nicht. Aber noch mehr entsetz-ten sich Alle, als der Fußboden sich plötzlichaufthat und eine dunkle Gestalt heraufstieg.

Alles schrie durch einander, selbst der Kecksteund Vorwitzigste hatte für einige MomenteMuth und Besonnenheit verloren. Der Fremde,als sich der Fußboden wieder geschlossen hatte,nahm den Hut ab und sagte: „Ich kenne dieseGesellschaft nicht und vermuthete Niemand hier.Entschuldigen Sie den Schrecken, den ich IhnenAllen gemacht habe. Als ich sprechen hörte,und jene Aufforderung, sogleich zu kommen,konnte ich es nicht unterlassen von unten zuantworten, sehr gespannt darauf, wer nach mirverlange, öden wer wissen konnte, daß ich schonauf dem Wege hierher sei."

Er sah sich um, so viel es die Laternen ver-statteten. Alle waren verlegen, nur Mansfeld,der seinen Muth wiedergefunden hatte, sam-melte sich zuerst und sagte: „Sie, Herr Frem-der, sind, wie es scheint, sehr gütig und gefäl-lig, erst, daß Sie auf meine Einladung sich so-gleich zu uns bemühen, und zweitens, daß Siezugleich um Verzeihung bitten, da Sie unserschreckt haben. Daß wir einigermaßen denalltäglichen Muth verloren, war wohl sehr na-türlich. Sie wissen ja doch, wen wir zu rufendie Dreistigkeit halten, und stellen sich ein fürihn und geben sich für ihn aus."

„Ich habe meinen Namen noch nicht ge-nannt," sagte die Erscheinung.

„Brauchc's auch nicht," erwiederte Mans-feld, „wäre gewissermaßen gegen die Etikette;man kennt sich doch."

„Sonderbare Ausdrücke und Redensarten,"sagte der Fremde; „ich muß besorgen, in eineGesellschaft gerathen zu sein, die wohl nicht soeigentlich hieher gehört."

„Für wen halten Sie uns?" rief Mans-feld.

„Ich höre," erwiederte Jener, „das Güt-chen ist ganz neuerdings an einen simpel», blöd-sinnigen, alten Herrn verkauft, der gewiß nie-mals herauskommen wird! die Einsamkeit desOrts ist so recht geeignet, Leuten, die ein ge-gründetes Vorurtheil gegen das Tageslicht ha-ben, zum Schlupfwinkel zu dienen. DieseTrachten, Mienen, diese wehr finstern, als hel-len Laternen, Alles dieses — — "

„Also für Spitzbuben, Falschmünzer, oderdergleichen nehmen Sie uns?" rief Mansfeld-„Sie, mein guter fremder Herr ohne Namen,der aus der Erde aufst^t, sollten gerade amwenigsten so anzügliche Reden führen!"

„Nun," sagte die Erscheinung, „für washalten Sie mich denn?" ^

ö" sagen," erwiederte Mans-feld, „für den Teufel selbst."

, lachte so von Herzen, daß plötz-

lich Alle in den heitern Ton dev Lustigkeit ein-