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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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783-784
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Karl Wilhelm Freiherr von Humboldt.

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komme» wird, davon einen historischen Gebrauchzu machen.

Jede menschliche Individualität ist eine inder Erscheinung wurzelnde Idee, und aus ei-nigen leuchtet diese so strahlend hervor, daß siedie Form des Individuums nur angenommenzu haben scheint, um in ihr sich selbst zu offen-baren. Wenn man das menschliche Wirkenentwickelt, so bleibt, nach Abzug aller, dassel-be bestimmenden Ursachen, etwas Ursprünglichesin ihm zurück, das, anstatt von jenen Einflüs-sen erstickt zu werden, vielmehr sie umgestaltet,und in demselben Element li«at ein unaufhör-lich thätiges Bestreben, seiner'änNeten, eigen-thümlichen Natur äußeres Dasein zu verschaf-fen. Nicht anders ist es mit der Individuali-tät der Nationen, und in vielen Theilen derGeschichte ist es sichtbarer an ihnen, als an denEinzelnen, da sich der Mensch in gewissen Epo-chen und unter gewissen Umständen gleichsamheerdenweise entwickelt. Mitten in bcn durchBedürfniß, Leidenschaft und scheinbaren Zufallgeleiteten Begebenheiten der Völker wirkt daher,und mächtiger, als jene Elemente, das geistigePrinzip der Individualität fort; es sucht derihm inwohnenden Idee Raum zu verschaffen,und es gelingt ihm, wie die zarteste Pflanzedurch das organische Anschwellen ihrer GefäfseGemäuer sprengt, das sonst den Einwirkungenvon Jahrhunderten trotzte. Neben der Rich-tung, welche Völker und Einzelne dem Men-schengeschlecht durch ihre Thaten ertheilen, lassensie Formen geistiger Individualität zurück,dauernder und wirksamer als Begebenheiten undEreignisse.

Es gibt aber auch idealische Formen, die,ohne die menschliche Individualität selbst zusein, nur mittelbar sich auf sie beziehen. Zudiesen gehören die Sprachen. Denn obgleichder Geist der Nation sich in jeder spiegelt, sohat auch jede eine frühere, mehr unabhängigeGrundlage, und ihr eignes Wesen und ihr in-nerer Zusammenhang sind so mächtig und be-stimmend, daß ihre Selbstständigkeit mehr Wir-kung ausübt, als erfährt, und daß jede bedeu-tende Sprache als eine eigenthümliche Form derErzeugung und Mittheilung von Ideen erscheint.

Auf eine noch reinere und vollere Weiseverschaffen sich die ewigen Urideen alles Denk-baren Dasein und Geltung, die Schönheit inallen körperlichen und geistigen Gestalten, dieWahrheit in dem unabänderlichen Wirken jederKraft nach dem ihr inwohnenden Gesetz, dasRecht in dem unerbittlichen Gange der sich ewigrichtenden und strafenden Begebenheiten.

Für die menschliche Ansicht, welche die Planeder Weltregierung nicht unmittelbar erspähen,sondern sie nur an den Ideen erahnden kann,durch die sie sich offenbaren, ist daher alle Ge-schichte nur Verwirklichung einer Idee, und inder Idee liegt zugleich die Kraft und das Ziel;

und so gelangt man, indem man sich bloß indie Betrachtung der schaffenden Kräfte vertieft,auf einem richtigen Wege zu den Endursachen,welchen der Geist natürlich nachstrebt. DasZiel der Geschichte kann nur die Verwirklichungder durch die Menschheit darzustellenden Ideesein, nach allen Seiten hin, und in allen Ge-stalten , in welchen sich die endliche Form mirder Idee zu verbinden vermag, und der Laufder Begebenheiten kann nur da abbrechen, wobeide einander nicht mehr zu durchdringen imStande sind.

So wären wir also dahin gekommen, dieIdeen aufzufinden, welche den Geschichtschreiberleiten müssen, und können nun zurückkehren zuder oben zwischen ihm und dem Künstler ange-stellten Lergleichung. Was diesem die Kennt-niß der Natur, das Studium des organischenBaus, ist jenem die Erforschung der als han-delnd und leitend im Leben auftretenden Kräfte;was diesem Verhältniß, Ebenmaß und der Be-griff der reinen Form, sind jenem die sich stillund groß im Zusammenhange der Weltbegebcn-heiten entfaltenden, aber nicht ihnen angehören-den Ideen. Das Geschäft des Geschichtschrei-bers in seiner letzten, aber einfachsten Auflösungist Darstellung des Slrebens einer Idee, Da-sein in der Wirklichkeit zu gewinnen. Dennnicht immer gelingt ihr dies beim ersten Ver-such, nicht selten auch artet sie aus, indem sieden entgegenwirkenden Stoff nicht rein zu be-meistern vermag.

Zwei Dinge sind es, welche der Gang dieserUntersuchung festzuhalten getrachtet hat: daß inAllem, was geschieht, eine nicht unmittelbarwahrnehmbare Idee waltet, daß aber diese Ideenur an den Begebenheiten selbst erkannt wer-den kann. Der Geschichtschreiber darf daher nicht,Alles allein in dem materiellen Stoff suchend,ihre Herrschaft von seiner Darstellung aus-schließen ; er muß aufs mindeste den Platz zuihrer Wirkung offen lassen; er muß ferner, wei-ter gehend, sein Gemüth empfänglich für sieund regsam erhalten, sie zu ahnden und zu er-kennen ; aber er muß vor allen Dingen sich hü-ten, der Wirklichkeit eigenmächtig geschaffeneIdeen anzubilden, oder auch nur über dem Su-chen des Zusammenhanges des Ganzen etwasvon dem lebendigen Reichthum des Einzelnenaufzuopfern. Diese Freiheit und Zartheit derAnsicht muß seiner Natur so eigen gewordensein, daß er sie zur Betrachtung jeder Begeben-heit mitbringt; denn keine ist ganz abgesondert vornallgemeinen Zusammenhange, und von Jegli-chem, was geschieht, liegt, wie oben gezeigtworden, ein Theil außer dem Kreis unmittel-barer Wahrnehmung. Fehlt dem Geschichtschrei-ber jene Freiheil der Ansicht, so erkennt er vieBegebenheiten nicht in ihrem Umfang und ihrerTiefe; mangelt ihm die schonende Zartheit, soverletzt er ihre einfache und lebendige Wahrheit-

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