Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
785-786
JPEG-Download
 

785

786

Friedrich Heinrich Alerander Freiherr von Hnmboldt.

Friedrich Heinrich Alexander Freiherr

von Humboldt.

Ueber Steppen und wüsten.

Am Fuße des hohen Granitrückcns, welcherim Jugcndalter unseres Planeten, bei Bildungdes antillischen Meerbusens, dem Einbruch derWasser getrotzt hat, beginnt eine weite unab-sehbare Ebene. Wenn man die Bergthäler vonCaraccas, und den inselrcichen See Tacarigua,in dem die nahen Pisangstämme sich spiegeln;wenn man die Fluren, welche mit dem zartenGrün des thaitischen Zuckerschilfes prangen,oder den ernsten Schatten der Kakaogebüschczurückläßt: so ruht der Blick im Süden aufSteppen, die scheinbar ansteigend, in schwinden-der Ferne, den Horizont begränzen.

Aus der üppigen Fülle des organischen Le-bens tritt der Wanderer betroffen an den ödenRand einer pflanzenleeren Wüste. Kein Hügel,keine Klippe erhebt sich inselsörmig in dem un-ermeßlichen Raume. Nur hier und dort liege»gebrochene Flotzschichtcn von zweihundert Qua-dratmeilen Oberfläche, bemerkbar höher als dieangränzcnden Theile. Bänke nennen die Ein-gebornen diese Erscheinung, gleichsam im Geistder Sprache den alten Zustand der Dinge ah-nend, da jene Erhöhungen Untiefen, die Step-pen selbst aber der Boden eines großen Mittel-meeres waren.

Noch gegenwärtig ruft oft nächtliche Täu-schung diese Bilder der Borzeit zurück. Dennwenn im raschen Aufsteigen und Niedersinkendie leitenden Gestirne den Saum der Ebene er-leuchten; oder wenn sie zitternd ihr Bild ver-doppeln, in der untern Schicht der wogendenDünste, glaubt man den küstcnlosen Ocean vorsich zu sehen. Wie dieser, erfüllt die Steppedas Gemüth mit dem Gefühl der Unendlichkeit.Aber freundlich zugleich ist der Anblick des kla-ren Meeresspiegels, in dem sich die leichtbeweg-liche, sanft aufschäumende Welle kräuselt. Todtund starr liegt die Steppe hingestreckt, wie dienackte Felsrinde eines verödeten Planeten.

In allen Zonen bietet die Natur das Phä-nomen dieser großen Ebenen dar; in jeder ha-ben sie einen eigenthümlichen Charakter; einePhysiognomie, die durch die Verschiedenheit ihresBodens, durch ihr Klima und durch ihre Höheüber der Oberfläche des Meeres bestimmt wird.

Im nördlichen Europa kann man die Heide-länder, die von einem einzigen, alles verdrän-gende» Pflanzcnzugc bedeckt, von der Spitzevon Jütland sich bis an den Ausfluß der Scheideerstrecken, als wahre Steppen betrachten; aberSteppen von geringer Ausdehnung und, hoch.hügeliger Oberfläche, wenn man sie mit denklanos und Pampas von Südamerika, oder garmit den Grasfluren am Missury vergleicht, inII. Kurz, Pros. Lit.

15 denen der zottige Bison, und der langhörnigeMoschusstier umherschwärmen.

Einen größeren und ernsteren Anblick ge-währen die Ebenen im Innern von Afrika.Gleich der weite» Fläche des stillen Oceans hat20 man sie erst in neueren Zeiten zu durchforschenversucht. — Theile eines Sandmeeres, welchesfruchtbare Erdstriche von einander trennt, oderinselsörmig einschließt, wie die Wüste am Ba-saltgebirge Harutsch, wo in der dattclreichen25 Oasis vom Siwah, die Trümmer des Ammon-Tempels den ehrwürdigen Sitz früher Menschcn-bildung bezeichnen. Kein Thau, kein Regenbenetzt diese öden Flächen, und entwickelt imglühenden Schooß der Erde den Keim des Pflan-3V zeitlebens. Denn heiße Luftsäulen steigen über-all aufwärts, lösen die Dünste, und verscheu-chen das vorübcrcilendc Gewölk.

Wo die Wüste sich dem atlantischen Oceannähert, wie zwischen Darah und dem weißen35 Vorgebirge, da strömt die feuchte Meereslufthin, die Leere zu füllen, welche durch jene senk-rechten Winde erregt wird. Dort erquickenkühle Weste den hügeligen Rand der Wüste. Selbstwenn der Schiffer durch ein Meer, das wiesen--ro artig mit Seetang bedeckt ist, nach der Mün-dung des Gambia steuert, ahnet er, wo ihnplötzlich der tropische Ostwind vcrläßr, die Nähedes weitverbreiteten wärmcstrahlenden Sandes.

Heerden von Gazellen, schnellfüßige Strauße,45 dürstende Pantherthiere und Löwen durchirrenin ungleichem Kampfe den unermeßlichen Raum.Rechnet man ab die im Sandmcere neuentdeck-ten Gruppen qucllenreicher Inseln, an derengrünen Ufern die nomadischen Tibbos und Tu-5V aryks schwärmen, so ist der übrige Theil derafrikanischen Wüste als dem Menschen unbe-wohnbar zu betrachten. Auch wagen die an-gränzenden gebildeten Völker, sie nur periodischzu betreten. Auf Wegen, die das Handelsver-55 kehr feit Jahrtausenden unwandelbar bestimmthat, geht der lange Zug von Fasstet bis Lvm-buctu, oder von Fezzan bis Darfur; kühne Un-ternehmungen, deren Möglichkeit auf der Exi-stenz des Kameels beruht, des Schiffs der Wüste,60 wie es die alten Sagen der Ostwelr nennen.

Diese afrikanischen Ebenen füllen einen Raumaus, welcher den des nahen Mittelmeercs fastdreimal übertrifft. Sie liegen zum Theil unterden Wendekreisen selbst, z»m Theil denselben65 nahe; und diese Lage begründet ihren individu-ellen Naturcharakter. Dagegen ist in der östli-chen Hälfte des alten Kontinents dasselbe gcog-„ostische Phänomen der gemäßigten Avne eigen-thümlich. ^

50