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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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861-862
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Karl August Varnkagen von Ense.

stets kontribuiren wolle, dafür ich allemal seinwerde meines hochgeehrten Herrn dienstwillig-ster Diener H. G. F. von Derfflinger. Kölnan der Spree, den 11. Mai 1678."

Der Fortgang der Ereignisse zeigt, daß 5Derfflinger sich den Wünschen des Kurfürstendenn doch bequemt und den folgenden Feldzugeifrigst mitgemacht hat. In der That bedurfteFriedrich Wilhelm unter den eingetretenen Um-ständen des Zusammenwirkens aller seiner Kräfte, 10um den steigenden Mißverhältnissen gewachsenzu bleiben. Seine Bundesgenossen bemühtensich um Frieden, und in den Verhandlungen zuNimwegen, wo jede Macht nur ihren eigenenVortheil suchte, wurde Brandenburgs Hejl nicht 15sehr bedacht. Neue und letzte Anstrengungenwurden erforderlich, um durch neue und voll-ständige Waffenerfolge einen ehrenvollen Friedenzu erringen. In dem zweifelhaften Zustande,der nicht zur Entscheidung kommen ließ, ob der 20Kurfürst seine ganze Heeresmacht zweckmäßigeram Rhein gegen die Franzosen, oder in Pom-mern gegen die Schweden gebrauchen würde,verging ein Theil des Sommers; der Prinz vonOranien wünschte jenes, weil erhoffte, dadurch 25den Kaiser, den König von Spanien, und viel-leicht selbst die Republik Holland, welche gegenseinen Willen eifrig für sich allein den Friedenzu erlangen suchte, an dem Abschlüsse noch ge-hindert zu sehn; dieses wünschte der König von 30Dänemark. Endlich zuletzt entschied sich derKurfürst für die letztere Meinung, und rückteim Juli mit dem Heere nach Pommern, wo dienähere Gefahr auch den größeren Vortheil zubestimmen schien. Die Schweden waren daselbst 35noch >m Besitz der festen Stadt Greifswalde undder starken Festung Stralsund, auch hatten siedurch Ueberrumpelung von 1200 Dänen undBrandenburgern sich der Insel Rügen und derzugehörigen kleineren Inseln wiederbemächligr. 40Sie aus diesem Besitze zu vertreiben, und ihnenwo möglich keinen festen Fuß auf deutschemBoden zu lassen, schien so dringend als vorlhcil-haft. Mit Ungeduld harrte der Kurfürst aufdie Ankunft der dänischen Flotte, deren Mit- 45Wirkung unentbehrlich war. Sie erschien end-lich, und am 10. September ging der Kurfürstmit allen seinen Truppen auf 350 Fahrzeugenvon verschiedener Größe, die schon in Bereit-schaft waren, von Peenamünde nach Rügen un- 50ter Segel. Die Ordnung der Truppen wurdeauf den Schiffen beibehalten, die Generale vonSchöning und Hallard führten die beiden Flü-gel, der General von Götze das Mitteltreffen.Derfflinger befehligte unmittelbar unter dem 55Kurfürsten die ganze Unternehmung. Als Lei-ter der Seefahrt befand sich auf dem Schiffedes letztem der holländische Admiral Tromp.Wegen widriger Winde konnte die Flotte nichtsogleich den beabsichtigten Landungsort bei Put- 60bus erreichen, und blieb eine Zeitlang dem Feuerder Schweden ausgesetzt. Endlich am 13. Sep-tember ließ der Kurfürst die Landung seinerTruppen in der Gegend von Pucbus möglichstbeschleunigen, da auch schon einige dänische 65Truppen aus der Halbinsel Wittau gelandetund einem Angriffe der Schweden für sich alleinnicht gewachsen waren. Der Feldmarschall Grafvon Königsmark, schwedischer Oberbefehlshaber

in Pommern, suchte durch das Feuer seinesGeschützes von den Anhöhen herab die Landungder Brandenburger zu hintertreiben, allein dieserückten unerschrocken vor, pflanzten ebenfallsGeschütz auf, und trieben die Schweden vorsich her. Kaum waren die ersten 200 Reiterausgeschifft, so stellte sich Derfflinger an ihreSpitze, und griff 8 schwedische Schwadronen mitsolchem Ungestüm an, daß diese sich alsbald zurFlucht wandten, und dabei eine Fahne und einFeldstück nebst vielen Gefangenen einbüßten.Unfähig das Feld zu halten, zog Königsmarksich in die alle Fehrschanze zurück, gegen welcheDerfflinger am folgenden Tage mir dem Vor-trab anrückte, und daselbst die Schweden in ei-ligster Ueberschiffung nach Srralsund begriffenfand. Hier war kein Augenblick zu verlieren,wenn der Feind nicht ohne Verlust entkommensollte. Derfflinger faßte sogleich seinen Ent-schluß , den General von Schöning schickte ermir 500 Mann Fußvolk längs des Strandes,um die Schanze zunächst am Meere anzugrei-fen, und nachdem hier der Angriff begonnen,ließ er plötzlich seine Reiter absitzen, und drangmit ihnen zu Fuß von der Landseite stürmendein. So wurde die Schanze im ersten Anlauferobert, und dabei sämmtliches Geschütz undviele Pferde nebst 700 Gefangenen; über 200Schweden wurden gelödtet; Königsmark selbstfocht wie ein Verzweifelter, und war von allender letzte, der zu Schiffe stieg, um sich zu ret-ten. Die Brandenburger verloren nur etwa40 Mann. Derfflinger griff sodann am 16.September die neue Fehrschanze an, die sichschon bei den Anstalten zum Sturm auf dieersten Schüsse ergab, da die Deutschen, die zurschwedischen Besatzung gehörten, in Aufruhrausbrachen, und mit den Brandenburgern sichverbanden. Auf diese Weise schnell im Besitzvon ganz Rügen, ließ der Kurfürst nun auchdie kleine Insel Dänholm, in der Meerenge vonStralsund gelegen, durch 2000 Mann mit Ge-walt wegnehmen. Bei allen rufen und dennachfolgende» Verrichtungen erscheint Derfflin-ger in gewohnter Thätigkeit und Kraft, undmit allem Feuer persönlicher Tapferkeit in Ge-fahr und Kampf immer voran, als Feldmar-schall gleichsam noch Rittmeister und als Greisnoch Waffenjüngling. Der Tadel neuerer Zeit,daß der Feldherr in solchem persönlichen Eifernicht in seinem Berufe sei, dürfte dem Waffen-brauche jener älteren Zeiten, wo die Truppen-zahl oft so äußerst gering, und eine glücklicheEinzelheit so leicht der ganze Erfolg war, nichtunbedingt angemessen sein-

Nach der Eroberung von Rügen und Dän-holm wandte sich der Kurfürst zu Anfang desOktobers mit seinen Truppen, welche unter ihmfortwährend Derfflinger befehligte, zur Bela-gerung von Stralsund. Diese Festung war nochniemals eingenommen worden; selbst der furcht-bare Wollenstem hatte im dreißigjährigen Kriegeseine sonst unwiderstehliche Wuth mit Aufopfe-rung eines ganzen Heeres hier vergebens aus-getobt. Das gewaltige Unternehmen mußtegleichwohl gewagt werden; doch wurde zuerstder Weg eines gütlichen Abkommens versucht.In Kaiserlichen, Auftrage bot der Kurfürst denBürgern die Rechte und Freiheiten einer un-