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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
863-864
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Karl August Varnhagcu von Ense.

mittelbaren Reichsstadt an, wenn sie zur Ueber-gabe der Stadt mitwirkten; allein Königsmarkwußte die Einwohner im Gegentheil zur Ver-theidigung zu bewaffnen. Nachdem also dieserVersuch fehlgeschlagen, und bei dem eingetre- 5tenen Herbst keine Zeit mehr zu langwierigerBelagerung übrig war, wurde sogleich ohneSchonung die Stadt angegriffen. Am 10. Ok-tober Abends begann aus 152 Feuerschlündenunter Leitung des Obersten Weiler eine so furcht- 10bare fortgesetzte Beschießung, daß am folgendenTage die Stadt in vollen Flammen stand, unddie Bürger von den Mauern und Thürmenweiße Fahnen wehen ließen. Der Kurfürst ließdas Feuer einstellen, und sandle einen Trom- 15peter vor, auf den aber von den Schweden ge-schossen wurde; auch Derfflinger, der, um Vcr-gleichungsvorschläge zu vernehmen, nah an dasThor hinanritt, erfuhr grobe Zurückweisung.

Die Belagerten hatten nur Zeit gewinnen wol- 20len, die Feuersbrunst zu löschen, welches auchgrößtentheils gelungen war. Hierauf aber wurdedie Beschießung mit erneuerter Heftigkeit fort-gesetzt, und in kurzer Zeit lag die Hälfte derStadt eingeäschert. Königsmark, dessen Sol- 25baten wegen der Hitze nicht mehr auf den Wäl-len ausdauern konnten, sah sich endlich am 12.Oktober zur Uebergabe genöthigt, und erhieltmit Truppen und Geschütz freien Abzug nachSchweden. Am 20. Oktober zog der Kurfürst, 30Derfflinger an seiner Seite, feierlich in die er-oberte Festung ein. Auf gleiche Weise undBedingung erfolgte nach heftiger Beschießungam 6. November die Uebergabe von Greifs-walde. Durch diese raschen Ereignisse, die jede 35Erwartung übertrafen und Staunen und Wun-der erregten, war den Schweden kein FußbreitLandes in Pommern übrig, und ihre Machtaus dieser Seite völlig aus Deutschland abge-schieden. Der Kurfürst kehrte mit Derfflinger 40und den meisten seiner Generale nach Berlin zu-rück, wo man den Früchten so vieler Siegeund Eroberungen in dem Frieden entgegensah,dessen Abschluß von Tag zu Tag erwartet wurde.

Diese Hoffnung wurde zwiefach getäuscht. 45Die Schweden, in Pommern überwunden, zeig-ten auf andrer Seite unvermuthete Uebermacht.

Aus Liefland brach der Feldmarschall Hornmit 16,000. Mann durch das polnische Gebietin Preußen ein, und grausame Verwüstung be- 50zeichnete seine Fortschritte. Gegen solche Trup-penmacht waren die brandcnburgischen Besatzun-gen in Preußen zu schwach; der Kurfürst sandteden General von Görtzke mit 3000 Mann zurUnterstützung ab, allein auch dieser konnte mit 55der Gesammtstärke von 7000 Mann dem feind-lichen Einbrüche nicht wehren. Die Schwedendrangen vor, und die Polen, trotz ihres Bünd-nisses mit dem Kurfürsten, schienen geneigt,mit jenen gemeine Sache zu machen. So wich- 60tig es dem Kurfürsten auch war, seine Kriegs-macht eine Weile in Ruhe zu erhalten, und zubesserer Einwirkung auf das bedenklich fortrü-ckende Friedensgeschäft gegen den Rhein hinschlagfertig gestellt zu bleiben, so wurde doch 65für Preußen die Gefahr allzudringend, und derZug dahin schnell beschlossen. Sichernde Besa-tzungen blieben in Westphalen und in Pommernzurück. Von den Truppen aber, die eben aus

dem Felde heimgekehrt, wurde» alle RegimenterReiterei und Dragoner, zusammen 5500 Pferde,sodann von jedem Regimenie zu Fuß ausgesuchte60 Mann nebst doppelten Offizieren, und 34Stücke Geschütz, alles unter dem OberbefehleDerfflingers, schleunigst gegen die Weichsel inBewegung gesetzt; die Generale von Götz, GrafPromnitz und von Schöning führten die ein-zelnen Abtheilungen. Kaum waren diese Trup-pen an der Gränze von Pommerellen etwa9000 Mann stark vereinigt, so eilte der Kurfürst sich an ihre Spitze zu stellen Am 30.Dezember 1678 reiste er im harten Winterzu Schlitten, begleitet von seiner Gemahlinund dem Kurprinzen Friedrich, von Berlin ab,schloß ffich seinen Krieqsschaaren an, und trafmit ihnen in beispiellosen Gewaltmärschen schonam 10. Januar 1679 in Maricnwerder ein,nachdem er diesen Tag 12 deutsche Meilen, dievorhergehenden aber nicht weniger als - deren 6bis 7 zurückgelegt. Hier ließ er zwei Lagerasten. Trotz der strengen Winterkälte und derungeheuern Anstrengung zeigten die TruppenEifer und Freudigkeit. Inzwischen verbreitetedie Nachricht von des Kurfürsten schnellem An-rücken unter den Schweden Schrecken und Be-stürzung. Der Feldmarschall Horn, den diefurchtbare Nähe des fernegeglaublen Gegnersvöllig verwirrte, befahl überall den schleunigstenRückzug. Der Kurfürst aber, von dem Feindenoch 18 Meile» entfernt, sandle dem Generalvon Görtzke, der in der Gegend von Königs-berg verweilte, den Befehl, mit allen seinenTruppen den Schweden zu folgen, und sie durchAngriffe möglichst aufzuhalten, bis der Kurfürstselbst herangekommen wäre. Mit 4000 Rei-tern und 1000 Mann Fußvolk, die hinter denReitern mit aufsitzen mußten, verfolgte Görtzkeden Feind so nachdrücklich, daß derselbe in ste-ter Flucht bis Jnsterburg einen großen Theilseiner Mannschaft einbüßte. Der Kurfürst folgteangestrengt mit den übrigen Truppen nach, undbeschleunigte sie, das Fußvolk auf zusammen-gebrachten Schlitten, über das frische Haf am16. Januar nach Königsberg. Zwischen Tilsitund Ragnir schien Horn endlich stehn zu wollen,daher der Kurfürst abermals den General vonGörtzke mit 4300 Reitern und den OberstenHenning von Treffenfeld mit 1000 Dragonernvoraussandke, um durch kleine Gefechte seinemeignen Anrücken Zeit zu gewinnen- Er selbstließ alle Pferde und Schlitten der Umgegendschnell wieder aufbieten, und führte seine kampf-begierigen Truppen 3 Meile» weit über daszugefrorene kurische Haf, wodurch er seinenWeg um 8 Meilen verkürzte, und Abends am19. Januar zu Gilge, einem Dorf an demgleichnamigen Flusse, ankam. In der Nachtnoch ging er bei der größten Kälte weiter bis3 Meile» von Tilsit, nach Kuckernes, wo ebenin der Frühe die ermatteten Pferde etwas Fut-ter erhielten, und die fast erstarrten Soldatengegen die Kälte einigen Schutz suchten, als dieNachricht einlief, daß Treffenfeld unfern Tilsitbei dem Dorfe Splitter ei» siegreiches Gefechtgegen zwei schwedische Regimenter bestanden,diese fast ganz vernichtet, und dabei eine MengeGeschütz, zahlreiches Gepäck und andere Beutegenommen habe. Als dieser tapfere Oberst gleich