865
Karl August Varnhngcu von Ense.
866
darauf selbst erschien, und dem Kurfürsten 10Fahnen und Standarten und andere Siegeszei-chen überreichte, empfing er dafür auf der Stelleseine Ernennung zum Generalmajor. Den vonTilsit abziehenden Schweden den Weg zu ver-sperren, rückte der Kurfürst am 21. Januarvor Tag von Kuckernes nach Heidekrug, wosie vorbeikommen mußten. Görtzke aber erhieltwiederholten Befehl, den Feind unausgesetzt zuverfolgen und anzugreifen; er erreichte auf demWege nach Koadjut ihren Nachlrab, den Hornselbst befehligte, und brachte demselben eine völ-lige Niederlage bei. Dem Kurfürsten selbst ent-zog sich Horn, indem er durch einen starkenNachtmarsch rechts nach Samogitien ausbog,und so die Trümmer seines aufgeriebenen Hee-res nach Liefland rettete, wo alles in Angst undSchrecken jeden Augenblick die Ankunft der sieg-reichen Brandenburger erwartete, und selbstRiga schon vor dem Schicksale Stralsunds er-zitterte. Der Kurfürst aber, erwägend, welchunerhörte Anstrengungen die Seinigen in diesemschrecklichen Wincerfeldzuge gemacht, und beider stets zunehmenden Kälte noch ferner zumachen hätten, überließ die weitere Verfolgungden Generalen von Schöning und von Treffen-feld , und ging mit der Hauptmacht nach Kö-nigsberg, wo er am 24. Januar unter demJubel der Einwohner herrlich einzog. Die ge-nannten Generale schlugen den Feind noch inmehrern scharfen Gefechten und verfolgten ihnbis 8 Meilen vor Riga, von wo sie dann nachMemcl zurückkehrten. Horn brachte von sei-nem noch kurz vorher so streitbaren Heere inerschöpften aufgelösten Haufen kaum 2500 Mannzurück, die übrigen waren durch das Schwertder Brandenburger gefallen, oder durch Hun-ger, Frost und furchtbare Seuchen, welche ihreFlucht schrecklich begleiteten, aufgerieben. Die-ser denkwürdige Feldzug, in Schnelligkeit, Kraftund Wirkung den von Fchrbellin wiederholend,übertraf diesen noch durch die erhöhte Anstren-gung , welche der furchtbare Winterkampf jenesfernen Nordens auferlegte. In dem Andenkendieser Thaten und Mühen wird der NameDerfflingers immerdar mitleben.
Während Friedrich Wilhelm an den Ufernder Ostsee dem einen Feinde so glorreich ent-gegenstand , wurde er in Westen dem andernvon seinen Bundesgenossen schmachvoll preisge-geben. Spanien und Holland hatten schon frü-her den Frieden mit Ludwig XIV. zu Nimwe-gcn geschloffen, dem Beispiele dieser Mächtefolgten Kaiser und Reich ebendaselbst am 5.Februar 1070. Die Lage des Kurfürsten wurdenun bedenklich; nur Dänemark stand noch aufseiner Seite, gegen Schweden allenfalls wirk-sam, gegen Frankreich ohne Gewicht. Ein Heervon 60,000 Franzosen unter dem General Cal-vo siel in das Herzoglhum Kleve ein; baldnachher 10,000 unter Crequi in das Fürsten-thum Minden. Der ganzen Macht LudwigsXIV. war Friedrich Wilhelm allein nicht ver-mögend zu widersteh», er selbst auch mußteFrieden suchen, welchen der König von Frank-reich, ein treuerer Bundesgenosse als die demKurfürsten zu Theil gewordenen, nur unter derBedingung zugestand, daß alle den Schwedenentrissene Länder und Festungen ihnen zurück-Kurz, Pros. Lit. II.
gegeben würden. Vergebens suchte der Kur-fürst die Früchte seiner kriegerischen Anstren-gung wenigstens zum Theil zu behaupten, jedeZögerung wurde zuletzt gefährlich, und auf jeneharte, durch geringe Gegenbewilligung nurwenig ermäßigte Bedingniß wurde der Friedenmit Frankreich unv Schweden zu St. Germainen Laye am 20. Juni 1670 durch den bran-denburgischcn Bevollmächtigten Meinders end-lich unterzeichnet.
Inmitten aller Thaten und Ehren, welcheden emporgestiegenen Krieger schmückten, bliebDerfflinger gleichwohl mancher Berührung aus-gesetzt, die ihn vor eitlem Uebermuthe, oft nurallzu schonungslos bewahren sollte. In einerStellung, wie die seinige war, sind Neider undFeinde unvermeidlich; ihren Haß nährt oft nochselbst die Güte, die ihn versöhnen möchte. Diedunkle Herkunft, in deren Gegensatz Verdienstund Würde nur um so glänzender hervortra-ten, wurde das bequeme Ziel niedriger Schmä-hungen. Die bittre Schmach, welche der Feindihm bei der Belagerung von Stettin anthat,ist schon erwähnt worden. Aber auch im Kreiseder Seinen widerfuhr ihm manch schnöde Be-gegnung. Richt die Gunst und Achtung desedlen Kurfürsten, nicht das Ansehn der wohler-worbenen Feldmarschallswürde vermochte frecheBeleidigungen in jenem Bezüge ganz zu hin-dern. Doch Derfflinger war nicht der Mannsie geduldig zu ertragen. Als ein französischerGesandter einst die Unverschämtheit hatte, denKurfürsten bei der Tafel zu fragen, ob es wahrsei, daß er einen General in Diensten habe, derein Schneider gewesen? trat Derfflinger, dieAntwort nicht abwartend, sogleich auf, undflammende Blicke auf den Gesandten schießend,»Hier ist der Mann, rief er, von dem das ge-sagt wird; hier aber (auf seinen Degen schla-gend) hier ist die Elle, mit der ich die Hunds-fötter nach der Länge und Breite messe!" Einallgemeines Staunen und langes Stillschweigender Anwesenden vollendete die Vernichtung deserblaßten Diplomaten. Nach andrer Erzählungsiel dieser Auftritt mit einem Herzog von Hol-stein-Beck vor, was jedoch hier einerlei seinkann.
Derfflinger jedoch schämte sich der Erinne-rung seiner frühern Lebensverhältnisse keines-wegs, nur vorwerfen sollte sie ihm keiner; erselbst rief manchen Zug seiner Vergangenheitgern auf heitere Weise hervor. Als er »ochgemeiner Dragoner war, erzählte man, konnteer einmal Nachts nicht schlafen, sondern warfsich unruhig auf der Streu hin und her, wo-durch sein Zeltkamerad gleichfalls am Schlafegehindert blieb, und ihn schellend fragte, wa-rum er so unruhig sei? Derfflinger antwortete,er könne nicht schlafen, weil ihn der Gedankequäle, wie er in der Welt wohl noch ein Ge-neral werden möchte. „Ach was! rief der An-dere! lieg und schlaf! ein Lumpenhund magstdu wohl noch werden, aber kein General!"Dreißig Jahre nachher, als er schon Feldmar-schall war, kam Derfflinger auf der Reise inein Städtchen, wo der Name des Bürgermei-sters ihm auffiel; er fuhr sogleich vor dessenWohnung a», und als derselbe eiligst mit derMütze in der Hand hervorstürzte, rief Derfflin-
5
10
15
2 «
25
30
35
40
45
50
55
60
65