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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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867-868
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Karl August Varnsiagen von Ense. 868

ger, der auf den ersten Blick seine Vermuthungbestätigt fand, ihm mit starker Stimme entge-gen: „Kamerad, kennen wir uns noch wohl?«— Ja, erwiederte der Bärgermeister mit Zö-gern. — „Und wie ist's mit der Prophezeihunggeworden?« fuhr Derfflinger fort, indem er ihmdie Worte jener Nacht zurückrief. Der Bür-germeister entschuldigte sich, nach so langer Zeitkönne er sich der Worte, die er damals gebraucht,so genau nicht mehr erinnern, bäte aber gernum Verzeihung, wenn unter ihnen als dama-ligen Zeltkameraden etwas vorgefallen, das ih-rem jetzigen Abstände nicht gemäß sei. „Wenn'seinmal Lumpenhund sein muß, rief Derfflinger,so mag's drum sein,- aber wer ist denn nunder größte geworden, ich oder du? « Der Bür-germeister wußte sich in seiner Verwirrung kaumzu fassen, der Feldmarschall aber sprang ausdem Wagen, umarmte ihn brüderlich, klopfteihm auf die Schultern, und fragte, ob er wasGutes zu essen habe? Jener antwortete, Schin-ken, geräucherte Würste, und Fische und Krebsehabe er im Hause. „Und ich, sagte Derfflinger,habe guten Rheinwein bei mir.« Und so gin-gen sie zusammen hinein, aßen und trankenvergnügt mit einander, und unterhielten sich mitalten Schnurren und Streichen aus jener frü-hen Zeit.

Endlich sah Derfflinger die Waffenruhe, dieihm gegen seinen Wunsch, doch nur zu Ver-mehrung seines Ruhmes, so lange war verspä-tet worden, glücklich erreicht, und mit vollerFreudigkeit gab er sich dem Genusse derselbenhin. Ihm blieben zwar auch im Frieden diewichtigsten Aemter und Würden, die Statthal-terschaft von Hinterpommern und Kamin, dieallgemeine Aufsicht über die sämmtlichen Fe-stungen , der Oberbefehl über alle Kurfürstli-chen Truppen, die Wirksamkeit als GeheimerKriegsrath; allein die gleichmäßigen Geschäfteeiner geordneten Verwaltung, deren Arbeitensich leicht vertheilten und übertrugen, mußtendem von Kriegestyätigkeit Ausruhenden nurErholung dünken, in welcher die völlige Mußesich gern verhüllt und doch immer leicht wieder-findet. Abwechselnd in Berlin, wo er am Hofeseines feldherrlichen Fürsten und an der Spitzedes Kriegswesens in hoher Gunst und verdien-tem Ansehen stand, und auf seinen schönenLandsitzen, wo ihn Feld und Gärten glücklichbeschäftigten, verlebte er ein frohes Alter, um-geben von einer zahlreichen Familie, die ihnliebend ehrte und pflegte. Der Widerruf desEdikts von Nantes, bei welchem EreignisseFriedrich Wilhelm auf'ß neue die ganze Größeseines Geistes und Muthes zeigte, indem er,dem Zorne Ludwigs XIV. trotzend, den Ver-folgten Schutz und Aufnahme gab, führte durchdie zahlreich einwandernden, französischen Pro-testanten eine Menge neuer Künste und frischerThätigkeiten nach Brandenburg. An dieser all-gemeinen Belebung nahm Derfflinger, wie esscheint, eifrigen Antheil; seine Liebe zum Bauenund Pflanzen fand in den Kenntnissen und demGeschmacke der gebildeten Ankömmlinge mannig-fache Förderung. Vielleicht wird die Vollen-dung der schönen Gärten zu Gusow mit Rechtin diese Zeit gesetzt. Inmitten solch heitererBeschäftigung genoß Derfflinger den Nachsom-

mer seines Lebens, der, je weniger davon zusagen geblieben, nur um so glücklicher gewesensein mag. Doch erlebte er in dieser Zeit auchden Tod seines jüngeren Sohnes, der im Jahre5 1686 im Türkenkriege vor Ofen den Heldentodfand.

Indeß konnte sein Lebensglück nicht überden Zustand seiner Gesundheit und seiner Kräftegebieten: sein zunehmendes Alter war von man-10 cher Schwäche und Kränklichkeit begleitet, gegenwelche der Wille zuletzt nichts mehr vermochte.Der Kurfürst bedurfte in den neuen Verwick-lungen, zu denen sich die politischen Händelanließen, eines kräftigeren Ueberblicks, einer ra-15 scheren Thätigkeit, als sein alter Feldmarschallden Staats - und Kriegsangelegenheiten jetztnoch widmen konnte; dieser selbst harte sich mehr-mals darüber mit dem Kurfürsten in vertrau-licher Offenheit besprochen. Als daher der Mar-20 schall Graf von Schombcrq dem französischenKriegsdienste um des protestantischen Glaubenswillen entsagte, und seine Zuflucht nach Bran-denburg nahm, eilte der Kurfürst, den berühm-ten Feldherrn in dem gehörigen Range bei sei-25 nein Heere wiederanzustellen. Durch ein Schrei-ben vom 19. April 1687 machte er diese Ent-schließung dem alten Derfflinger, der in Gusowseit längerer Zeit unpäßlich war, in den scho-»endsten Ausdrücken bekannt; alle seine Wür-39 den und Einkünfte sollten ihm verbleiben, nurdie Oberaufsicht und die unmittelbare Befehl-führung über die Truppen der jüngeren Kraftübertragen sein. Doch wie sehr die Lage derDinge eine solche Anordnung rechtfertigte, und35 wie einverstanden Derfflinger früher selbst dazugerathen, so reizte doch der Augenblick, da dieSache wirklich geschah, seine Empfindlichkeit,und sein Antwortschreiben verhehlte dieselbe nicht,so wenig als die Hoffnung, jenem Amte durch49 völlige Genesung bald selbst wieder vorstehn zukönnen.

Derfflinger hatte den Schmerz, im folgen-den Jahre seinen großen Fürsten und Feldherrndurch den Tod zu verlieren. Friedrich Wilhelm45 starb den 28. April 1688 mit dem hohen Gleich-muthe, den er in Krieg und Schlacht so oftbewiesen. Derfflinger folgte bei dem feierlichenLeichenbegängnisse in dem leidtragenden Range,den seine hohen Würden ihm anwiese», und dem59 die Bekümmcpniß seines Herzens bei solch trau-rigem Anlasse nur zu sehr entsprechen durfte.In gleichen Ehren und Würden, wie bei demgroßen Kurfürsten, blieb bei dessen NachfolgerFriedrich III. der alle Feldmarschall geschätzt55 und angesehen. Er ging sogar in dem baldwieder gegen Ludwig XIV. ausgebrochenen Kriegenoch einmal mit in's Feld; obgleich schon frü-her alles eigentlichen Dienstes überhoben, glaubteer doch, da seine Kriegserfahrung in Anspruch69 genommen wurde, nicht zurückbleiben zu dür-fen. Er folgte dem Kurfürsten, der mit 29,999Mann zu dem Kaiserlichen Heere zog, im Jahr1699 nach Flandern. Allein der Feldzug bliebohne bedeutende Ereignisse, und Derfflinger65 kehrte nach Berlin zurück, um fernerhin ganzder Ruhe zu leben. Auch nahm er an den fol-genden Feldzügen, in welche» seine drei Regi-menter stets mitfochten, persönlich keinen Theilmehr. Er lebte seine letzten Jahre im Schooßc