Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
869-870
JPEG-Download
 

869

Karl August Varnhagen vou Euse.

870

seiner Familie, meist aus dem Lande, jeder Sorgeenthoben, nach durchdampftem Leben in stillemFrieden. Sein irdisches Heil war ihm in rei-chen Maßen zugeströmt, um das himmlischewar ihm nicht bange. Man rühmte seine wahr-hafte Frömmigkeit, die sich mit festem Vertrau-en an die protestantischen Glaubenslehren an-schloß; Johann Arnds wahres Christenthum ließer sich fleißig vorlesen, ein Erbauungsbuch, dasnoch heutiges Tags den Bedürfnissen vielerFrommen entspricht. Betagt und lebenssattstarb er endlich den 4. Februar 1695 fast 8»Jahre alt den sanften Tod der Altersschwächebei völligem Bewußtsein. Seinem Willen gemäßwurde sein Begräbniß ganz einfach veranstaltet,und in der Gedächtnißrede, die ihm der Predi-ger zu Gusow, Salomon Sannovius, dielt, nichtdas Geringste von seinem Leben und seinenThaten erwähnt. Dieser Prediger hat jedochviele Nachrichten über Derfflinger mir großemFleiße gesammelt, wovon die Handschrift viel-leicht noch irgendwo bewahrt ist.

Von Derfflingers Persönlichkeit findet sichfolgende ältere Schilderung, welche der Anblickeines noch erhaltenen Gemäldes gegeben zuhaben scheint. „Ein starkes, krauses Haar ziertesein Haupt. Sein Gesicht ist durch die breiteStirn, starke Augenbraunen, lebhafte Augen,große Nase, starkes Kinn, volles Gesicht undUnterkehle kenntlich, welches der Bart über derOberlippe und etwas stehengebliebenes verstutz-tes Haar unter der Unterlippe noch mit meh-ren Merkmalen versehen. Er muß ein wohl-gebildeter, großer, starker Mann gewesen sein,den schon die Natur zum Kriege gemacht.«Seine Eigenschaften als Feldherr sind aus derErzählung seines Lebens genugsam zu erkennen;Rathschlag und Ausführung finden sich stetsbei ihm in gleicher Tüchtigkeit. Der Unterneh-mungsgeist, die Schnelligkeit und Kühnheit,welche dem Reiterdienste vor allen angehören,sind die Grundzüge des Karakters, den er alsKriegsmann zeigte; die Reiterei war seine Waffe,ihr hing er durch sein ganzes Leben, vom Ge-meinen bis zum Feldmarschall, treulich an. DieTruppen liebten ihn und folgten mir Vertrauenseiner Anführung, die den Sieg zu verbürgenschien. Er hatte mit ihnen eine leutselige, frei-gebige Art, wie folgender Zug beweist. Ersah einst mit einem Unteroffizier in einer Fe-stung seine Lade voll eingehämmerter Thaler-stücke nach. Der Anblick solcher megesehenenMenge Geldes brachte den letzteren ganz ausder Fassung, daß er staunend zurückwich. Dabefahl ihm Derfflinger, sich eine Handvoll da-von zu nehmen, und da jener, noch mehr er-schrocken, dies nicht thun wollte, so nahm erselbst eine tüchtige Handvoll heraus, und stecktesie ihm freudig zu mit den Worten, er sollenur nehmen, so was käme doch nicht oft- Sei-nen Feldherrengaben ertheilt Friedrich der Großeein ehrenvolles Zeugniß, „l'srrni Ivs ßeoerauxäs I'LIecleur, — heißt es in den Uvmoiresüv Ijrgnüeboiirjz, — Is vieux Oerlllinxer etIs priiioe Issn Oeor^e ll'AolmIt svsient Inplus Grands röputalio». I-o priues d'KiillsItpsssait pour saxs, vt Uertllinpe, pour en-trspronsnt; es dvinier servil bis» soii multreä In surpriss ele Ikslllsnow, :> lt> poursuite

dos Suödois apräs Is bslsills «Iv V'ekrbellio,st s dälsr Is dilixonco vxlrsorüiosire destroupvs elans I'oxpsdition äs I'russo.« Sei-nen Ueberblick, seine Kriegskenntniß und Waf-fenkunde dankte er bloß der unmittelbaren An-schauung und Erfahrung, die ihm sein Lebenin ungewöhnlicher Fülle dargeboten; selbst vomGeschützwesen und Festungsbau hatte er ausdiese Weise ausreichende Einsicht erlangt. Sei-nen Namen unterzeichnete er sehr zierlich, undzwar nie Dörfling, wie man ihn meistens ge-nannt findet, sondern Derfflinger; alles Uebrigesagte er seinen Schreibern in die Feder. Ge-lehrsamkeit und Studium blieben ihm fremd,und sein Mangel an Schulunterricht kam oft-mals in lustigen Irrungen an den Lag. Manerzählt, er habe einst den Bericht eines Ritt-meisters, der auf Erkundung des Feindes aus-geschickt worden, und dem Datum seines Zet-tels das Wort Lsptiin vorgesetzt hatte, auseinem Orte solches Namens geschrieben geglaubt,und lange vergebens nach der Lage dieses Or-tes gesucht. „Ich habe den Rittmeister, sagteer, nach Neudorf beordert, und der Teufel hatihn nach Raptim geführt!« Endlich aufgeklärt,das Wort sei lateinisch und bedeute in Eil, sagteer voll Eifers: „Ei so hätte der Narr mögenauf gut Deutsch hinschreiben in Eil, und ichhätte mir eine gute halbe Stunde unnützes Su-chen erspart.« Ein andermal wurde berichtet,die Truppen könnten nicht so rasch gegen denFeind anrücken, weil die Destls's sie aufhielten;„Schlagt die Teufels todt!« rief der unge-duldige Feldherr, der das unbekannte franzö-sische Wort für diese im Plattdeutschen ähnlichklingende Feindesbenennung nahm. Ueberhauptkonnte er ausländische Wörter und Namennicht leiden, und setzte sie stets in ihm bekann-tere um. Den . spanischen Gesandten Castanaga,zum Beispiel, nannte er nie anders als KasparNagel. Noch viele Schnurren solcher Art wur-den ihm nacherzählt, wovon aber nur wenigein der Ueberlieferung noch übrig sind. VonNatur bieder und frohmüthig, scheint er einegewisse Derbheit und Laune glücklich vereint zuhaben. Sein Umgang war aufrichtig und zu-verlässig, doch hinwieder auch klug und gewandtgenug, wo die Umstände dies forderten. DerItaliener Leti, der ein Gemählde des branden-burgischen Hofes verfaßt, schildert ihn als einenMann von sanften und feinen Sitten, der amHofe sich sehr wohl dargestellt. Ueberhauptscheint er in allen Dingen eine gute Art undsicheres Maß gehabt zu haben, ohne nach irgendeiner Seite hin die Schranken zu übertreten.Bei vielfachen Ausgaben hielt er sein Vermö-gen doch wohl zu Rath, und sein guter Sternhatte ihn wie aus Niedrigkeit zu den höchstenEhren, so auch aus Armuth zu den größtenReichthümern emporgesührt. Seine Kriegsäm-ter brachten ihm sehr bedeutenden Dienstgchalt,seine drei Regimenter ebenfalls beträchtliche Ein-künfte. Außerdem erhielt er zur Belohnungseiner großen im Felde geleisteten Dienste vondem Kurfürsten wiederholt außerordentliche Ge-schenke; im Jahre 1675 anfangs 10,060 Tha-ler, darauf nach der Schlacht von Fehrbellinnoch 10,000 und endlich eine Verschreibung aufdie gewesene Komlhurei Wildenbruch von 120,000

5

10

15

20

25

30

35

40

45

50

55

60

65