72 Rücktritt der Dichtung aus dem Volke unter die Gelehrten.
angerufen habe, anstatt der Apophthegmara gemeine landläufigeSprichwörter geschickt. Zwischen Beiden scheidet er so, daß er dieSprich-wörter durchgehende Regeln, männiglich gemein und gleichsam jedermannsWort nennt, die Apophthegmata aber „nur einer gewissen Person, vonder sie gesagt werden, eigen", so daß sie also wohl die Quelle mancherSprichwörter sein könnten. Nach dieser Ansicht würden wir sogar auseine noch entferntere Quelle des Sprichworts stoßen, von der aus wirdenn hier eine neue poetische Gattung herleiten können, die im 17. Jahrh,sehr verbreitet ward. In diesen Apophthegmen, die Zinkgref nach seinemausgestellten Begriffe schon mit der Folgerichtigkeit eines Gelehrten zu-sammenlas, sind nämlich neben den Beispielen, die Weckherlin aus Martialgab, die vaterländischen Erstlinge des Epigramms enthalten, man müßtedenn aus einzelne madrigalartige Stücke unserer älteren Spruchdichterzurückgehen wollen. Zugleich sind die Anekdoten dieses Werks eine Fund-grube für die Logau, Wernicke und andere Epigrammdichter geworden.Und so wie das Epigramm und Epigrammeuartige in der Poesie des17. Jahrhs. vorherrscht, so füllt die Anekdote damals und später diePredigt und den philosophischen Roman aus und durchdringt die ganzeprosaische Literatur.
Wie zeitgemäß diese Arbeit Zinkgref's war, wie darin der Geschmackder Welt getroffen wurde, zeigt der ungeheure Erfolg, den sie hatte.Alles legte sich seit der Erscheinung dieses Werkes auf ähnliche Samm-lungen, originale und übersetzte, die bald ganz in Zinkgref's Spurenfortgingen, bald auf die Stoffe Pauli's und Kirchner's zurückfielen, baldin Gegenständen oder Zwecken etwas Selbständigeres zu leisten suchten;vie bedeutendsten Namen des 17. Jahrhs. werden auf diesen Wegengefunden. Der „Unlustvertreiber" (Straßburg 1643), der aus LouisCaron's okssse-eimu^ (nach einem Winke Harsdörfers scheint es vonLehmann) übersetzt ist, und die aus apoplitkegmatioa von QuirinuS Pe-geus (Nürnberg 1655) sind reineApophthegmensammlungen in ZinkgrefsArt; so auch ein Anhang, den Harsdörfer seinem „Schauplatz jämmer-licherMordgeschichten" (1649. 6 Theile) beigefügt hat. Diese Sammlungvon Rechts- und Criminalgeschichten (nach Pierre Camus' ampbitlmatre8»nglant) war ihrerseits veranlaßt durch Martin Zeiller's tüeatrumti-sgloim, das dieser schon vor Zinkgre/'s Erscheinung nach dem franzö-sischen Original von Fr. von Rosset frei bearbeitet hatte, worin ihmwieder ein österreichischer Landsmann, Math. Abele, in seinen „seltsamenRechtsfällen" folgte. Alle diese Sachen wurden unzähligemal ausgelegt undnachgedruckt; das von Abele bis 1668 fünfmal gedruckt und ins Hollän-