88 Rücktritt der Dichtung aus dem Volke unter die Gelehrten.
Mann auch sonst noch in formellen Dingen war, mag ein kleines Bei-spiel in der Susanna andeuten, wo er statt der im Bibelterte genanntenBäume Andere setzt, weil jene ihm nicht zum Reim passen wollen. Undso zeigt es sich leider noch in viel wesentlicheren Punkten bei den ehren-wertsten Versuchen dieses Meisters, wie unendlich schwer es doch war,getheilt zwischen die Gewöhnung an klassische Form und die Erfordernisseder deutschen Rede in volksthümlichen Schriften die feine Linie der richtigenVermittlung zu treffen, d. h. die Form von dem Stoffe, den Stoff vonder Form nicht leiden zu lassen. Wir fallen bei Rebhun in ein anderesErtrem: seine Aufmerksamkeit war viel zu sehr mit seinen neuen Formenbeschäftigt, als daß sich in seinen Werken die Richtung auf die Zeit-interessen dabei so stark hätte aussprechen können, wie bei Frischlin undNaogeorg, oder daß auch nur die Behandlung seiner Gegenstände freiund gelenk hätte bleiben können. Sein Sorgenvoll ist viel zu breit, undauch in der Hochzeit von Cana mußte er auf Abkürzungen für die Aus-führung bedacht sein. Dem Inhalte nach ist dies Stück, zu Ehren demgottseligen Ehestände geschrieben, gar zu lehrhaft und trocken gerathen.Auch in der Susanna ist der Dialog spröde und steif, trotz dem sichtlichenStreben, in den untertlichen Stellen, die in die Handlung der Bibel ein-geschoben sind zur Schilderung der Bestechlichkeit der Richter, und in derbeweglichen Abschiedscene Susanna's von den Kindern einen Ton natür-licher Unmittelbarkeit und Wahrheit anzuschlagen^), der auch auf dieBehandlung desselben Stoffes bei Frischlin und Heinrich Julius weitergewirkt hat.
Die Wiedergeburt des regelmäßigen Schauspiels nach dem Musterder Alten und in ihrer Sprache war seit Reuchlin und Celtes schon vorder Reformation im Gange, sie erhielt aber durch diese und durch diegesteigerte Pflege der Schulen, deren sich die evangelischen Lande an-nahmen, eine große Beschleunigung. Eine Masse von lateinischenSchauspielen zum Schulgebrauch entstand in und außerhalb Deutsch-land, auf deren Entwicklung und Umfang hier natürlich nicht eingegangenwerden kann, wo uns nur die Geschichte des deutschen Schauspiels be-schäftigt. Es ward bald, und vorzugsweise in Norddeutschland, eineallgemeine, und an einzelnen Orten eine stehende Sitte, daß aus demSchulaetus lateinische und selbst griechische Stücke von den Schülernaufgeführt wurden, heidnische und christliche, alte und neue; das so
81) Einmal sind einem der Kinder ein paar lallende Worte in den Mund gelegt:„Lieb Mute werd ich auch in Himmel thumen?"