Band 
Dritter Band.
Seite
97
JPEG-Download
 

Schauspiel.

97

nachgedruckt; bis zum Jahre 1612 war er 4—5 mal übersetzt worden,von Mathias Höe, Jos. Götze u. A. So hat denn auch Wolfhart Span-genberg eine Reihe solcher biblischer Stücke gemacht oder aus dem Lateinübersetzt, den Jeremias und Simson 1603, Saul 1606, Belsazar 1600.Der Eine Saul, den ich allein kenne, mag uns als das höchste undbedeutendste Beispiel dieser ganzen Gattung, und zugleich dessen, wasStraßburg und das Schulschauspiel leistete, gelten. Bei aller Ungelenk-heit in der Form ist in diesem Stücke eine psychologische Kenntniß mensch-licher Leidenschaft und ein dichterischer Ausdruck derselben zu finden,wozu in fast allen übrigen Stücken dieses Jahrhunderts kaum lallendeVersuche gemacht sind. Die allerverschiedensten Affekte, Jonathan'sFreundschaft und kindliche Pietät, Michal'S angstvolle Liebe, David'sJugendkraft und reines Gottvertrauen, Saul's böser Geist und Wahn-sinn, sind hier mit Verständniß ergriffen und mit sicherer Hand gezeich-net; etwas wie die Beschwörungsseene wären alle die Schulmeisterund Pastoren der Zeit nicht im Stande gewesen zu machen. Der Geistder antiken Tragödie ist hier unmittelbar in den biblischen Stoff heran-getreten, die Anlage, die Behandlung des Ganzen und einzelner Stellenist gesund, nicht ohne Geschmack, und ohne alle Albernheiten undPlattheiten, was sich kaum von irgend einen: andern deutschen Stückedieses Zeitraums sagen läßt. Dies Trauerspiel zieht aber noch stärkeran, wenn man Spangenberg's komisches Talent dicht daneben wirkensieht; man entdeckt dann in ihm bereits die Doppelseite, in die sich späterauch Andr. Gryphius getheilt hat. Im Jahre l613 sind drei dramatischeSchwänke von ihm gedruckt: der „Glückswechsel", ein Spiel von einemBauer, Landsknecht und Pfaffen, die ihres Standes überdrüssig sind undsich gegenseitig betrügen, wobei die unschuldige Einfalt am besten fährt;„Mammons Sold", etwas wie ein kleiner humoristischer Todtentanz;„Wie gewonnen so zerronnen", worin ansgeführt ist, wie ein armerbäuerlicher „Frommann", den seine böse Frau noch in die Schule zwingt,aus Anlaß dieser unverdienten Qual den Geldgurt eines betrügerischenSpielers findet und ehrlicherweise behalten darf. Der dramatischeSchwank, das Fastnachtspiel, das inNürnberg in den Händen der Sachsl und Ayrer massenweise fortdauerte, aber auch in anderen vereinzelten! Beispielen sich über ganz Deutschland noch durch das ganze Jahrhundert> hinzieht, erscheint hier in einer veredelten Gestalt und viel zierlicher zuD iesen, als irgendwo sonst.

Wir sehen aus allem bisher Betrachteten, daß das Schauspiel fast!ganz nur in der Pflege des evangelischen Deutschlands war; dies allein

Gerv. d. Dicht. III. Bd. 7