98 Rücktritt der Dichtung aus dem Volke unter die Gelehrten.
erklärt es hinlänglich, daß man sich zunächst vorzugsweise auf biblischeStücke warf, die die Religion im Allgemeinen fördern sollten, oder imBesonderen auf solche Gegenstände, bei denen sich die neue evangelischeLehre in ihrem Gegensatze gegen das Pabstthum hervorheben ließ.Schon die Lateiner, die Naogeorg und Frischlin hatten Stücke dieserletzteren Art geschrieben, eS begreift sich aber, daß gerade in diesen Gegen-ständen das Bedürfniß der deutschen Sprache mehr und mehr fühlbarward. Denn diese von dem reformatorischen Geiste durchdrungenenStücke eigneten sich vor Allen, zwischen dem Schul- und Volksschauspieleine Brücke zu schlagen; waren sie auch von Schullehrern für Schulsesteverfaßt, so sprach doch ihr Inhalt in der That mehr zu dem Interesseund dein Verstände der Erwachsenen. Daher denn schrieb Dedekind, dersogar seinen Grobianus lateinisch geschrieben hatte, seine Komödien deutsch;und Joh. Mittel von Erfurt, der gleichfalls als lateinischer Dichter be-kannt ist, verfaßte sein Eiferopfer (2elotz-pia 1571) ausdrücklich deutsch,weil es ein moralisches Stück und „zum Gebrauch Aller" sei; ja er eiferteschon geradezu gegen den Mißverstand und Mißbrauch des römischenLarvengottes in der Kirche. Bald stößt man auf die Schulmänner, diesich, wie jener Göbel in seinem Jacob (Budissin 1586) ausdrücklich denHans Sachs zum Muster nehmen, um Allen verständlich zu werden.Auf diese Weise bildete sich nun im 16. Jahrh, eine förmliche Gattungevangelischer Moralitäten aus, die selten mehr auf lateinische Originalezurückleiten, alle von volksthümlicherer Haltung als jene einfachen Bibel-stücke sind, oft von allegorischem Zuschnitt, Alle in platt lehrhaftenZwecken geschrieben. Dieser Absicht mußte die übertriebene und grelleZeichnung aller guten und bösen Charaktere in diesen Stücken dienen,die personifieirten Tugenden und Laster die darin auftreten, das Mit-spiel der Engel und Teufel, die eingestreuten Kirchenlieder, die Prologeund Epiloge, die von dem ordnenden Schulmeister, Pfarrer oder Ehren-hold gesprochen wurden; dazu auch die Narren, die mau einführte, umvor und während und nach der Darstellung die Moral des Dargestellteneinzuschärfen. Die meisten dieser Stücke stehen in einem engsten Ver-hältnisse zu der freundlichen Hauptlehre des Lutherthums von der Er-lösung durch Glauben und Vertrauen. So das genannte Stück vonMittel, das Eiferopfer. Der Dichter lehrt die Versöhnung der Mensch-heit mit Gott, und die tröstliche Milde der neuen Lehre gegen die desalten Testaments; er führt in seinem tragischen Gegenstand einen buß-fertigen Sünder zum Trost der zerknirschten Seelen vor, und lieberals die Erschreckten trostlos zu entlassen, machte er aus diese Art eine