Band 
Dritter Band.
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294 Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.

Dieser Art ist folgendes Stück: der Spruch „fürchtet euch nicht vor denenu. s. w." ist das Thema; das Bild ist eine Garbe, die von zwei ausdem Himmel reichenden Armen gedroschen wird. Die Anwendung istauf den Stephanstag zu machen; die Erklärung geht dann aus von derHerbstzeit, wo die Garbe gedroschen wird und aus Staub Getreide undBrot hervorgeht: hierdurch wird der Märtyrer Schaar abgebildet, diezerschlagen werden, bis sie der Tod gleich dem Himmelbrode von dieserErde wegnimmt zum großen Mahle des Lammes. Dies wäre nun (dieSprüche weggelassen) ein eigentliches Emblem, folgendes aber ist einLehrgedicht, oder wie wir sagen würden, eine Parabel, weil die Erklärungaus einer für sich verständlichen Geschichte besteht. Der Spruch ist: Seligsind die nicht sehen und doch glauben. Das Bild ist ein Kind, das übereiner Laute kniet. Die Anwendung auf den ungläubigen Thomas. DieErklärung ist die: Ein Wandersmann hatte seine Laute abgelegt um zuschlafen. Ein Knabe kommt darüber und prüft die Saiten, und diesweckt den Wandrer. Der Knabe fragt, wie doch diese Vogelstimmen ausdem Bauche kämen, da er doch nicht sehe was er höre. Die Belehrungist von selbst klar. Dies wäre sinnig genug, wenn nur viele so klare undeinfache Parabeln dawären, allein dies ist die erste und die beste; diemeisten sind flau und flach, wie tiefsinnig sie sich anstellen; man kannnicht sagen, was Harsdörfer selbst an die ganze Gattung verlangt, daßdiese spielenden Belehrungen „den bald ekeln Sinnen die verdrießlicheBemühung" ersparten, dazu fehlt es an bildlicher Schärfe der Gedankenwie der Darstellung. Im übrigen sind diese Reimereien in aller glänzen-den und üppigen Manier der Nürnberger ausgeführt; so sehr sonst Hars-dörfer nüchtern ist, so sehr hebt er sich hier; so gesunde Prose er sonstschreibt, so feierlich gedunsen sind die Vorreden dieser Erbauungsbüchergeschrieben. Uebrigens weiß er, daß diese Gattung der Parabel seltenist in der neuen Poesie, und er hat daher einiges Recht sich aus sie etwaseinzubilden. In der That ist das Auftreten der Nürnberger gegen Opitz(denn auch Birken nennt diesen fast nie) dem Wesen nach von dem spä-teren der Schweizer gegen Gottsched das Vorspiel. Sie setzen einigeEmpfindung gegen den kalten Verstand; sie suchen die Phantasie für dieDichtung wirksam zu machen durch einen Verband dieser Letztem mit derMalerei; sie kommen in den Ergebnissen dieser Ansicht schon auf dieTheorie Breitinger'S, daß die Fabel oder Parabel eine Hauptgattungder Dichtung sei. Die Natur des Nordens und Südens trat beidemaleschroff und stark einander gegenüber, so sehr die gemischten Elementebeidemale diese Erscheinung verdecken.