300 Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.
Augenblick auf das historische Volksgedicht zu reden kommen,das wir schon aus dem Grunde hier anreihen würden, weil Süddeutsch-land Hauptpfleger desselben blieb, besonders aber darum, weil es denemblematischen Charakter der Nürnbergischen Poesie in den Zeiten des30jährigen Krieges und schon vorher annahm, so daß man also ganzetwas Volksthümliches in dieser sinnbildernden Poesie erkennt. Wirwürden auf diesen historischen Liedern, deren dichterischer Werth jetzt sehrgering ist, kaum verweilen, wenn nicht eben ihre Verbindung mit denWerken der Malerei eine eigenthümliche Epoche in dieser Zeit machte,und durch das vorherrschende Visionsartige, durch die wiederkehrendenThier- und Wappenallegorien der allgemeine Geschmack der Zeit darge-stellt und erläutert würde. Zugleich haben wir hier eine weitere Gattung,die bei uns von den Niederlanden aus angeregt ward schon vor OpitzensAuftreten. Die politischen Angelegenheiten der Niederlande, dann auchbesonders die Streitigkeiten der Gomaristen und Arminianer währenddes 12jährigen Waffenstillstandes wurden in Carriratureu und Allegorienverbreitet und selbst die deutschen Begebenheiten wurden später noch inAntwerpen in dieser Art öffentlich erörtert. In Augsburg besondersfanden diese Kupferstiche Nachahmung und es liegt mir eine Sammlungsolcher Blätter vor, die meist von Augsburg ausgingen und an denenman die ganze Geschichte des 30jährigen Krieges verfolgen kann. Diepoetischen Erklärungen dieser Bilder sind theils Volkslieder, theils in altHans Sächsischem, theils in biblischem, theils in neuem OpitzirendemTon in Alerandrinern gehalten, so daß man die Verschiffung der Sprache,der Vers- und Reimkunst wohl an ihnen verfolgen kann. Daß der30jährige Krieg solche skoptische und geschichtliche Dichtungen hervor-rufen würde, läßt sich leicht denken; jeder frühere und spätere Krieg, dieSchweizerfehden, der Städtekrieg, der hussitische und Schmalkaldische,der 7 jährige und der Befreiungskrieg brachten uns jeder in seiner Artdiese Erscheinung wieder. Schon vor dem Ausbruch des böhmischenKrieges waren übrigens die Verspottungen der Jesuiten im Gedichte undim Bilde allgemein. Ein Blatt von 1608 zeigt eine Weltkugel, die voneinem Bauer, Krieger und Gelehrten getragen wird, ein darauf liegenderJesuit tritt dem Nährstand auf den Nacken, reißt dem Wehrstand denScepter aus der Hand und steckt dem Lehrstand sein Buch mit einer Fackel
184) Soltau 100 d. hist. Volkslieder und Ph. M. Körner, hist. Volkslieder ausdem 16. —17. Jahrh. Stuttgart 1810.
185) Die Göttinger Bibl. besitzt diese Sammlung.