322 Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.
gleichsetzende Ode über Cordeliens Schlafmüse; bald eine Wiederkehrvon Durandulens Brustlatz; Alles was du rülp'est muß eine Neberschrist,was du räusperst ein schulfüchsisches Akrostichen, was du auswirfst einAnagramm, was du niesest ein cabbalistisches Sonett sein. Schreibe auchgeistliche Lieder, bilde dir ein, ein anderer David zu sein, du kannsttrefflich dabei deine Ungeschicklichkeit entschuldigen: sprich du hättest mitFleiß die schlechte Weise zu reden gewählt! Unter dem Scheine der An-dacht begehre, daß man dich loben soll! Du mußt auch ein oxtempoi-a-ueu8 sein: Reime die Leber, reime den Fisch, reime Alles was ungereimtist. Bei Hochzeiten mache dich beliebt mit groben Räthseln und Zoten.Deinen Gedichten gib überall ansehnliche Titel: Parnassische Braut-fackeln, oder Dankaltäre der ewigen Unsterblichkeit anvertraut und dergl.oder nach dem Muster jenes Poeten, der herausgab: Narlialis vermut-tersprachtes Augen-Lust-Buch, und es dedicirte dem „weiland wohlbe-stallten und in vielen Blei regnenden, Stücken donnernden und Pulverblitzenden Schlachten und Zügen sich männlich gehaltenen Ospilainsti. N."Willst du dich in Prosodien üben, so hast du Cäsii Uelioou, Schottel'SReimkunst, HarSdörfer's Trichter, Sacer's Erinnerungen (1661). Rich-ten mußt du dich nicht darnach, den Poeten macht nicht die Regel. (Hierwieder wird eine Schupp'sche Stelle benutzt.) Die Verse miß mit einemHölzlein ab, wie der Schuster zu Bekkau; will ein Wort zu kurz werden,so strecke es, zu lang, so hau ein Stück davon ab und wirss vor dieHunde. Nimm die Reimsilbe lein in Acht, es ist ein Hauptgriff, sichkurze Arbeit zu machen. Willst du dies nicht, so nimm Reime zusammen,wenn sie auch nicht in den Sinn passen: „fehlet dir der Reim auf Sud,nur das ncenov M erzwingen, sag ein Christe sei ein Jud, und du Eselkönntest singen*^).« i)ni Accent und Silbenzählung kümmre dich nicht.Mache die lächerliche Gewohnheit mit, Alles zu vermythologistren, daßman einen eommontsrium nöthig hat, und diesen hänge hinten an. Laßjeden Vers ein Citat enthalten, schiebe den Gott Phöbus und das Mu-senvolk ein, mache ein Mischmasch, daß deine Mopsa, deine Musa, sagich, wie ein Edelstein hereinprahlt und strahlt wie ein Karfunkel imOfenloch. Hänge dann Entschuldigungen an: du schreibest dies unterAmtsgeschäften, mit eilender und fliegender Feder. AuS jedem Poetennimm das Beste, flicke Alles zusammen, streue Latein darunter undfremde Wörter, daß du kiounäinum ritu zweizüngig erscheinst. Höre andes alten Ringwaldt mit latein verposselte Reime! oder wie gräulich
IU8) Reminiscenzen dieser Art sind in unzähligen Stellen aus allen möglichenAutoren in die Schrift eingestreut. Diese hier ist aus Moscherosch.