Band 
Dritter Band.
Seite
332
JPEG-Download
 

332

Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.

für uns ist Spee's italienische Schule. Aus diese fiel er, wie Schein,schon vor den Pegnitzern und Braunschweigern; seine tändelnde undklingende Poesie ist auch nur eine Spielart von dieser, und wir werdensogleich sehen, wie beide sich ihm vielfach nähern. Am Ende der Trutz-nachtigall hat er eine Reihe von geistlichen Eklogen, wo der himmlischeSternenhirt, der Mond, klagend, und andere Hirten im geistlichenWettgesange eifernd auftreten, und wo Christus wie bei Bälde alsDaphnis besungen wird. Italienischer Schwulst geht hier breit ein:die frommen Hirten haben;. B. solche Liebeöglut zu ihrem Jesus imHerzen, daß sie die Nachbarn einladen, ihr Feuer und Kohlen bei ihnenzu holen. Ausdrücklich erwähnt er auch die „Gleichnisse und Concep-ten," gebraucht also diesen Ausdruck für eine Sache, die in der Ge-schichte der italienischen Dichtung dieser Zeiten berüchtigt genug ist, unddie er sich anzueignen sucht.

Das Umsichgreifen des Geistes, der sich hier in Form und Stoffenausspricht, läßt sich in der geistlichen Dichtung an den verschiedenstenOrten nachweisen, wo offenbar auch keine Einflüsse Spee's anzunehmensind. Martin Rinckart, Pfarrer in Eilenburg, seinem Geburtsorte,(1585—1649), den wir als einen rohen Dramatiker schon kennen, maguns die Reihe der protestantischen Liederdichter eröffnen, deren Gesängediesen neuen Charakter annehmen. Unter seinen Liedern fehlt es nichtan solchen, die den herkömmlichen kirchlichen Ton tragen, die mehrernaber tändeln in dem weltlichen Stile wie zuerst vie Lieder jener Donauerund Nicolai, für dessen „Morgenstern" Rinckart auch ausdrücklich seineBewunderung ausspricht. Wir kennen außer einzelnen ausgezogenenLiedern von ihm nur die „Catechismuswohlthaten und Catechismus-lieder" (Leipz. 1645). Schon die Versmaße, die Akrostichen in denStrophenanfängen erinnern an jenes Lied von Nicolack zurück; die bloßeEintheilung in „Gesetz-, Glaubens-, Gebet- und andere Kleinodiender auserwählten Kinder Gottes", die etymologischen Spielereien mitdem Ring in Rinckart's Namen, die im Inhalte mehrerer Lieder undeben auch in jener Eintheilung vortreten, andere Wort- und Reim-tändeleien, die „geistsreudigen" anapästischen Maße und Anderes zeigenan, wie hier die Einfalt und ungesuchte Würde des alten Liedes verlorengeht. Im Inhalte begegnen dann jene geistlichen Deutungen von Stei-nen und Blumen, jene Vergleichungen Christs bald mit Sonne undSternen, bald mit einem Seidenwürmlein, das „mehr als Seide" spinnt,jene gewagten Benennungen, die ihn z. B. nicht scheuen einen „Jungfern-held" zu heißen, jenes Bild das ihn als Bräutigam darstellt, und was