Band 
Dritter Band.
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Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.

Mit den Männern, die hierbei thätig waren, war auch Joh.Francke in Guben bekannt. Sein geistliches Sion (1674) darf manwohl Gerhard's Liedern an innerer Verwandtschaft am nächsten stellen;man würde es vielleicht noch unbefangener thun, wenn man seinen irdi-schen Helikon, seine weltlichen Lieder, von denen wir oben sprachen,nicht mit in Kauf nehmen müßte. Francke hat an denselben Quellengeschöpft wie Gerhard, an den Psalmen, an Luther, an den lateinischenKirchenliedern, an den Gottesgelehrten, die die Gottseligkeit nicht alsein Gewerb ansahen und sich der Streitigkeiten enthielten; wie Ger-hard geht er an jenen bilderreichen Vorstellungen mehr vorbei, um vorallem den evangelischen Anstrich zu behaupten. Etwas nachgiebiger gehter dabei zu Werke als Gerhard, denn er ist vielleicht um so viel unge-wöhnlicher und schwungreichec, als dieser, als er weniger gemüthlichund innig ist; so viel kunstreicher und rednerischer, als er weniger volks-thümlich und treuherzig ist. Ihm haben daher jene Geheimnisse undWunder bei Christs Menschwerdung, die Ideen von der Gemahlschaftder Kirche u. dergl. mehr Reiz, und er weiß die poetischen Gegensätzeund Bilder, die diese Vorstellungen auszudrücken pflegten, in Fülle undGewandtheit in einer fließenden Sprache mitzutheilen. Francke „erhitztseinen Geist" zum Singen, dem Gerhard kommt es von selbst, oder erwartet es ab, wie man selbst das Gebet und die Andacht abwarten muß,wenn sie nicht hohl werden soll. Francke macht mehr Aufwand; Ger-hard würde schwerlich 31 Strophen über Dürre gereimt, und „alle Kräftebereitet" haben, um ein Danklied für Regen zu singen. Wer BeiderMorgen- und Abendlieder vergleicht, trifft am nächsten auf ihre Verschie-denheit: Gerhard hält sich mehr bei der Gelegenheit auf, Francke bei derAndacht. Die Andacht ist diesem Gegenstand und Sache, bei Gerhardaber Grundgefühl, das eine äußere Gelegenheit in Bewegung setzt. ZuFrancke's Quellen muß man die Propheten des alten Testaments jahinzurechnen, die seinen Liedern etwas musikalischeres geben, als Ger-hard's haben: daher begegnen auch in seinen Gesängen so oft jene ge-haltvollen Sätze der Bibel: Nun lässest du mich in Frieden fahren; ichweiß daß mein Erlöser lebt; o Tod wo ist dein Stachel u. dergl., nachdenen Händel so begierig griff. Wie bei Gerhard so ist bei ihm nichtsvon jenen Schreckenstheorien; auch Er steht unter den wenigen, denenihre Gottesliebe selbst ihre Betrübniß unv ihren Kummer „zu Zucker"macht, der dem Irdischen und aller Furcht Trotz bietet, und der im To-ben der Welt „steht und in gar sicherer Ruhe singt."