462 Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.
Schimpsworte die Würze, Zoten die Witze; die plumpste und zwecklosesteGemeinheit herrscht darin. Harlekin hat eine verbotene Liebschaft, steigtein, wird ertappt, geprügelt, ins Hundeloch geworfen, muß eine andereheirathen, feiert Hochzeit, es wird geschmaust, Tisch und Bänke übereinander geworfen und dann getanzt: zum Ueberflusse ist das Possenspielzugleich Singspiel, so daß das Ganze ein toller Taumel bei der Auf-führung geworden sein muß. In dem Seitenstücke ist eine Hure dieBraut, eine zu frühe Niederkunft findet Statt, Wochenbett, Hebamme,Kindbetterinschmauö, alles geht auf der Bühne vor, den Spielern bleibtüberlassen, über dem Fest „etwas Lächerliches" zu machen, so viel aberwird vorgeschrieben, daß der Schulmeister Klanghofius dabei seine Hosenverschüttet. Man muß nicht glauben, daß dergleichen unflätige Geschich-ten blos aufRechnung von Schauspielern kämen (deren allerdings einigewie Wezell und Ludovici schon damals Komödien schrieben), oder blosauf gemeinen Bauernbühnen vorgekommen wären. Man darf auchnamhafte Nachfolger Weise's, die die Possenspiele vertheidigten, wieden Oberpostcommissarius Chr. Fr. Henrici (Picander; 1700—64)in Leipzig, nachschlagen, um diesen Geschmack wieder zu finden. Indessen akademischem Schlendrian z. B.^), einer dramatischen Satireauf die adeligen Studenten in Leipzig, ergötzt man sich eben so an einerKindbetterei (wie ja auch bei Holberg), an eingeschmissenen Fenstern,ausgeschütteten Geschirren, und höchst elenden Pickelhäringsspäßen.Dieser Henrici sei hier unser Grenzstein. Er fällt schon in die Zeit, woGottsched, der gleichmäßig gegen Lohenstein wie gegen Weise stand,diese Possen angriff und er leitet auch von Weise auf das GellertscheLustspiel über, insofern er in feine bürgerliche Gesellschaft führt, dieSatire verläßt, und seichte Klatschereien ansängt an die Stelle vonwirklich komischen Situationen zu setzen.
8. Anfänge der Polemik, Kritik und Theorie unter dem Einflußder französischen und englischen Literatur.
Obersachsen.
Wir haben oben als den Hauptgrund, warum die Literatur des17. Jahrhs. so mittelmäßig und in ihrer Mittelmäßigkeit so selbstver-gnügt war und blieb, das angeführt, daß es an Reibung und an Kritik
266) In Picander'S teutschen Schauspielen. 1726.