Band 
Erster Band.
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Die preußischen Ostprovinzen und ihre Weltstellung. 113

mit Händen greisen. Hätte diese Furcht sich der Regierung mitgetheilt, sie würdeihr Verhältniß zu den Vereinsstaaten, zu dem Gesammtvaterland vergessen und sichEngland mit gebundenen Händen überliefert haben! Trotz dieser Sprache der Schwäche,trotz dieses Offenstellens aller Blößen, trotz seines Kaufmannsgeistes hat indessenEngland seine Kornzölle abgeschafft ohne Bedingung, ja ohne weitere Begünstigungseiner Colonien. Die Furcht, England möchte auf seinem wichtigen Markte eineSperre gegen die preußischen Produkte eintreten lassen, ist also jetzt gründlich geho-ben; die heißesten Hoffnungen der Ostseeprovinzen sind endlich in Erfüllung gegan-gen. Aber liegt diesen Aussichten der Ostseeprovinzen nicht eine Täuschung zuGrunde? Hat England bei der Maßregel etwas Anderes als sein eigenes wohlver-standenes Interesse im Auge? Während der letzten Jahre hat England im Durch-schnitt ungefähr jährlich zwei Millionen Quarter Kornfrüchte eingeführt. Davonkam fast die Halste aus Deutschland, weil dieses vermöge seiner Nachbarschaft undanderer Verhältnisse vorzugsweise im Stande war, über die Kornpreise und den wech-selnden Betrag der Einfuhrzölle, über die jedesmalige Nachfrage nach Getreide inEngland sich die schnellste Auskunft zu verschaffen, also der Conjuncturen in diesemGeschäftszweige sich zu bemächtigen. So lange die Wandelscala bestand, konnte dasEngland nächstgelegenc Land die beste Getreidespeculation dahin machen, während diegleichartigen Operationen anderer handeltreibender Länder mehr oder minder in blo-ßes Glücksspiel ausarteten. Diesen Vortheil haben die Häfen der Nord- und Ost-see verloren, seit England fremdes Korn ohne Unterschied des dortigen Preises freieinläßt. Die Kaufleute in Neuyork, in Odessa, Triest, Livorno, Marseille könnennun ihre Berechnungen auf völlig übereinstimmender Grundlage combiniren, und dieFrage, welches Land von nun an England vorzüglich mit Getreide versehen soll, entschei-det sich seitdem nach ganz andern Bedingungen, und zwar vornehmlich nach der Wohlfeil-heit der Kornerzeugung, weil der Seetransport einige hundert Meilen mehr oder minderkeinen Unterschied macht. Sind nun auch die Elemente, aus welchen die Culturkosten unddie wohlfeile Erzeugungsfähigkeit einer bestimmten Bodenfläche in verschiedenen Gegendensich ergeben, überall von sehr vielen Nebenumständen abhängig und stets mannichfa-chen Veränderungen unterworfen, so dürfte doch Deutschland keincnfalls dasjenigeLand sein, welches im Durchschnitt England das Getreide am wohlfeilsten liefernkann, und wir werden uns schon darum an den Gedanken gewöhnen mögen, daßder Verlust des englischen Kornmarktes unvermeidlich bevorstehe.

Allein hierzu tritt auch noch ein anderer Grund. Die Getreideerzeugung von Groß-britannien und Irland beträgt gegenwärtig 81 Millionen Quarter an sämmtlichen Frucht-gattungen, wovon nach Abzug des zehnten Theils für die Saat auf England und Wales26h), aus Schottland und die Inseln 7/», auf Irland nahe an 17 Millionen Quarterfallen. Das genügt für den inländischen Bedarf noch nicht: im Durchschnitt wurdenjährlich 1,780000 Quarter Korn und Hülsenfrüchte (über 1 Million Quarter Weizen)oder der 28. Theil des ganzen Kornverbrauchs (auf den Kops ungefähr 2 Quarter) inEngland eingeführt. Die nächste Wirkung der Abschaffung der Getreidezölle ist unfehl-bar die Zunahme der Einfuhr, die man auf eine Million Quarter schätzen kann. Diegrößere Anhäufung der Waare auf den englischen Märkten muß aber dort ein Fal-len der Preise bewirken; dieselben werden in England deshalb in der Regel unterdem bisherigen Durchschnittspreise bleiben, wenn sie auch anderwärts, und zwar auchin den Ostseeprovinzen im Ganzen etwas steigen und überhaupt stetiger werden müssen.Diese Vortheilhafte Seite der britischen Maßregel ist aber für die Ostseeprovinzenmit dem größten Nachtheil begleitet. Da nämlich der englische Grundherr wenigerfür sein Getreide als früher erhalten wird, so bleibt ihm nichts übrig, als seinenVerlust durch vermehrte Erzeugung zu ersetzen, d. h. mehr Land als bisher unterden Pflug zu bringen und den alten Feldern ein reichlicheres Erträgniß abzugewin-nen- Solches läßt sich aber schon wegen der jetzt vorwiegenden Grascultur und des> ausgebreiteten Weidelandes nirgend besser als in dm britischen Eilanden bewerkstelli-Die Gegenwart. I. 8