118 Die preußischen Ostprovinzcn und ihre Weltstellung.
3228 Lasten; von da an bemerkt man jedoch eine langsame regelmäßige Zunahme,sodaß es 1845 wieder 29 Schiffe von 4276 Lasten zählte. Da die Handelsabnahmelediglich den Verkehr mit Polen und Rußland betrifft, so haben die großem Städte,welche denselben betrieben, Danzig und Königsberg, am meisten verloren. Memelindessen, vor 1806 der bedeutendste Platz für den Holzhandel, hat jetzt mehr Schiffeals vordem; 1805 nämlich 25 Schiffe von 4155 Lasten, 1825: 36 Schiffe von4229 Lasten, 1845: 79 Schiffe von 15783 Lasten. Allein trotz ihres fleißigenSchiffbaus gelangt die Stadt wegen des durch die russische Grenzsperre bewirktenMangels an Ausfuhr nicht vorwärts, wiewol sie als der bequemste und tiefste Hafenan der Ostsee durch Wegräumung dieser Schranke binnen wenigen Jahren ein See-platz von hoher Wichtigkeit werden würde. Indem Rußland Alles hervorsucht, wasMemels Handel niederhalten kann, will es, so behauptet ein einsichtsvoller Kaufmanndieser Stadt, „verhindern, daß Preußen den wahren Werth des Platzes erkennt, da essich selbst mit der Zeit in seinen Besitz setzen möchte, um ihn alsdann zum Arsenalund ersten Kriegshafen an der Ostsee umzuschaffen." Der Hafen ist fast das ganzeJahr hindurch offen, eine seltene Eigenschaft an diesem Meere, und kann jede Art vonSchiffen fassen. Königsbergs Haupthandel bestand in Colonialwaaren und Wein nachPolen, von dessen Grundbesitzern es dagegen Getreide, Leinsaat, Pottasche, Flachs,Wachs, Talg, Häute eintauschte. Die Kornausfuhr seewärts betrug in den 13 gün-stigen Jahren von 1793 — 1806 nie unter 20000 Lasten. Dieser Handel ist durchdie Sperre vernichtet! Darf man sich demnach wundern, daß, während die Bevölke-rung des ganzen Regierungsbezirks von 1816—28 um fast 35 Procent, die der Stadtselbst nur um zwei Procent zugenommen hatte, nämlich statt 63239 Einwohner 64694minder Begüterte zählte? denn die Zahl der Privatgebäude war 1810: 4151 und1831 nur 4102. Danzig, das durch die erste Theilung Polens viel verloren, über-nahm doch wieder den Productenaustausch von Eroßpolen und Masovien, dem da-maligen Südpreußen, und auch dies Geschäft hat es jetzt großentheils eingebüßt.Was aus Polen, Galizien und selbst dem nächstanliegenden Ungarn die Weichselherabkommt, wird zum eigenen Nachtheil dieser Länder von dem Wege nach Danzigabgelenkt. Wenn Verkehr und Absatz nicht innerhalb der Ostprovinzcn selbst mitihrer Bevölkerung gewachsen wären, so würde der Verfall jener Seestädte unzweifel-haft noch größer sein.
Im Innern hat die Provinz Lithauen (der heutige Regierungsbezirk Gum-binnen nebst Memel, dessen unternehmende Millionäre verschwunden) seit anderthalbJahrhunderten am meisten, ja beispiellos gelitten. Nachdem das Land im Jahre1656 durch Tatarenhorden in dem Kampfe Karl's X. Gustav mit Polen war ver-wüstet und durch Mord, Brand und Wegführung von Menschen heimgesucht wor-den, ward es 1709 durch Hungersnoth und Pest dermaßen entvölkert, daß 1710die reichsten Kornfelder vergebens ihr Einernten erwarteten, und hülfreiche Händeselbst gegen Hingabe des vierten Theils der Ernte fehlten. Lithauen verlor vonetwa 190000 Einwohnern (jetzt 600000) vier Fünftel. Die Heranziehung vonColonisten (seit 1710) aus der Schweiz, dem südlichen und westlichen Deutschland,Böhmen, Anhalt, Magdeburg, den Niederlanden reichte so wenig hin, die entstan-dene Lücke auszufüllen, daß 1721 dort noch 60000 wüste Hufen gesunden wurden;dann aber gelangte die Provinz, vorzüglich durch die Aufnahme der aus dem Erz-bisthum Salzburg im Jahr 1732 vertriebenen Evangelischen, wieder zu dem frühem,und unter Friedrich Wilhelm I. zu höherm Wohlstände. Dieser weise Fürst gründetezehn neue Städte : Gumbinnen, Ragnit, Darkehmen, Stallupöhnen, Pilkallen, Schir-windt, Bialla, Nikolaiken, Arys und Willenberg, außerdem 332 Dörfer, die er entwederneu anlegte oder, wenn sie wüst geworden waren, wieder besetzte, 24 Wassermühlen,11 Kirchspiele und 49 Domainenämter. Verbesserungen aller Art gaben unfrucht-baren oder wüstgewordenen Gegenden Anbau und Bewohner. Friedrich Wilhelm l>hat während seiner Regierung in Ostpreußen und Lithauen zusammen 885 neueLandschulen und 275 Volksschulen in den Städten gegründet, und bei seinem Tode gab