120 Die preußischen Ostprovinzen und ihre Weltstellung.
Preisen nahm zugleich auch die Ausfuhr wieder zu; 1825 betrug z. B. die Aus-fuhr aus Königsberg nur 816 Lasten Weizen und 657 Lasten Roggen, 1828 bereitswieder 9545 und 12920 Lasten; in den letzter» Jahren noch mehr. Unter allen Um-ständen war jenes beständige Schwanken im Kornhandel, hinsichtlich sowol der Preiseals der Ausfuhrmenge, ein Unglück für die Provinzen. Es rührte daher, daß diePreise nicht wesentlich von Bedingungen im eigenen Lande, sondern von der Aus-fuhr und fremden Conjuncturcn abhingen, daß mit einem Wort der Verkehr derOstseehäfen unter dem Einflüsse der jetzt zum Theil weggefallenen kommerziellen Be-schränkungen Englands stand. Durch Abschaffung der britischen Kornzölle ist einHauptgrund jenes Schwankens beseitigt, die Kornpreise werden immer, ein Vortheilfür die Ostprovinzen, stätiger werden. Freilich dürfte sich der Kornabsatz nach Eng-,land, wie bereits entwickelt, zugleich vermindern, und erst dann würde der Jubelüber die Aushebung der britischen Korngesetze gerechtfertigt sein, wenn es die englischenFreihandelsmänner wirklich bis zur Abschaffung der Navigationsacte gebracht hätten.Cobden namentlich hat es bei seinen Bemühungen zur Abschaffung der Korngesetzezum stehenden Argument gemacht, daß diese Maßregel das Getreide Amerikas, derrussischen Provinzen und anderer entlegenen Landstriche zu einem weit niedrigernPreise nach England bringen werde, als dasselbe bisher bei sich zeigendem Ausfallder Ernte im eigenen Lande aus den Häfen an der Nord- und Ostsee beschafft wer-den konnte. Ja, es ist durch specielle Preisvergleichung nachgewiesen worden, daßdas englische Ostindien selbst England mit so niederm Preise werde versorgen können,daß kein fremder Mitbewerb dagegen aufzukommen vermag. Wol aber schien CobdenLas Alles vergessen zu haben, als er den Danzigcrn ins Angesicht erklärte, ihrWeizen werde für immer hinsichtlich des Preises auf dem englischen Markte dieOberhand behaupten.
Der Absatzmarkt wurde jedoch den preußischen Ostprovinzen auch noch in an-dern Ländern beengt. Schweden holte seinen Bedarf an Getreide nicht mehr ausden preußischen Häfen, weil es seine Eiseneinsuhr hier schon wegen des hohenDurchfuhrzolls fast auf Null zurückgeführt sah. Überhaupt wirkten die hohen Durch-gangszölle in den Ostprovinzen ungünstig ein, und es schien, als ob die verbotgleichenTarife Rußlands und Östreichs und der Sundzoll noch nicht Druck genug für denpreußischen Ostseehandel abgäben. Diese Durchfuhrzölle müssen jetzt bei uns fallen,wie in Frankreich und Belgien, und der in so mancher Hinsicht wichtige Durchfuhr-handel muß auch bei uns aus jede Weise erleichtert werden. Man muß jetzt über-haupt Alles, was den Mitbewerb der preußischen Schiffahrt und des preußischenSeehandels unmittelbar oder mittelbar hemmen und erschweren kann, beseitigen, vorallen Dingen aber den Sundzoll. Erreichen in der Binnenschiffahrt doch die Ab-gaben auf Güter von Hamburg bis zur Weichsel in manchen Fällen den Betragdes Sundzolls nicht! Dieser schmähliche Zoll schließt in vielen Fällen die Ostseehä-fen von der Einfuhr ins Vereinsgebiet eigentlich aus. Hierzu trug noch der un-billige Vortheil bei, welchen die Messen zu Frankfurt a. d. O. und Naumburgrücksichtlich der Zölle von fremden Manufacturwaaren gewährten. Neben demSundzoll, und um ihn zu sichern, besteht der neue dänische Transitzoll aus Waaren,welche über Holstein und Schleswig gehen. Vor 20 Jahren, erklärte ein pillauerKaufmann, habe er in Pillau noch die Förderung von 4—6000 Ballen Fabrikwaa-ren gehabt; gegenwärtig würden kaum einige Ballen eingeführt. Das zwischen der Küsteund der russischen Zolllinie eingeengte Gebiet ist an sich durchgehends so dünn bevölkertund so arm, daß sein Verbrauch an Fabrik- und Colonialwaaren noch wenig inBetracht kommt, und der Paschhandel nach Polen reicht nicht aus, um auf denHandel der Seeplätze im Großen einzuwirken. Seit der ersten Einrichtung der Sperre(1816) bestand noch etwa sechs Jahre lang ein großartiger Schmuggel, der jedochin dieser Weise durch die verschärften russischen Maßnahmen unmöglich ward. Zu-dem gehen jetzt die meisten einzuschwä'rzenden Waaren nicht über die Ostseehäfen,sondern polnische Juden kaufen sie auf den leipziger Messen und schwärzen sie aus