Band 
Erster Band.
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Die preußischen Ostprovinzen und ihre Weltstellurrg. 121.

allen Punkten der langen Grenzlinie ein. Die Vertrage, welche Preußen Namensder Zollvereinsstaaten bisher mit fremden Ländern abgeschlossen, haben der PreußischenSchiffahrt und dem preußischen Handel keinen Vortheil von Belang verschafft, ob-schon gerade durch solche Vertrage auch dem Ostseegestade neue Quellen der Wohl-fahrt eröffnet und die Vortheile deutscher Zolleinigung fühlbar gemacht werden könn-ten. Der holländische Vertrag von 1837 gereichte sogar dem Preußischen Seehandelzum Nachtheil, indem er den holländischen Häfen die Einfuhr von fast hundert Mil-lionen Pfund Zucker gewährleistete. Wenn überhaupt irgend ein Gebiet des Zollver-eins gerechten Grund zu Klagen über seine unvollständige Gesetzgebung und halbenMaßregeln hatte, so waren es die Ostprovinzen.

Lag auch ein Theil der Ereignisse, welche die Entwickelung in den Ostseepro-vinzen aufgehalten oder unterbrochen haben, außer menschlicher Macht, so zeigen docheben die segensreichen Folgen der Regierungsmaßregeln zur Milderung von Unglücks-fällen, wie wohlangewendet die Hülfe des Staats, wie fähig die Bevölkerung ist,derselben große Erfolge zu sichern. Die Opfer, welche die Ostprovinzen in der Zeitder Schmach und der Erhebung der Sache des Vaterlandes bringen konnten undmit Bereitwilligkeit gebracht haben, lassen keinen Zweifel darüber, daß dort Wohl-stand begründet werden kann und werden muß. Schon die nächste politische Rück-sicht macht es der Regierung zur Pflicht, alle Mittel anzuwenden, um mit der Wohl-fahrt die Treue und die Anhänglichkeit zu festigen und dem untergrabenden SystemRußlands an diesen Grenzen das Gegengewicht zu halten. Die Gerbereien, Leder-fabriken, die Tabackmanufacturen, Seifensiedereien, die großen Mahlwerke für Olund Papier und für Holzschneiden, die Tuchmanufacturen haben sich hier und dort,zumal in Masuren, soweit sie in der Regierungszeit Friedrich's des Großen haupt-sächlich auf Staatsunterstützung beruhten, nicht halten können; alles directe Einschrei-ten zur Förderung neuer besonderer Industriezweige scheint wenig Gedeihen zu ver-sprechen. Dagegen sind durch öffentliche Anlagen, Eisenbahnen, Kanäle, Straßen undSchiffahrt, sodann durch zweckmäßige Handels- und Schisfahrtsgesetzgebung die we-sentlichen Vorbedingungen einer industriellen Regsamkeit zu erfüllen.*) Eine Ent-faltung des industriellen Lebens würde zugleich der Landwirthschaft und dem Grund-besitz zu Gute kommen, denn der Grundwerth der Landgüter stellt sich überall nachder Entwickelung der Industrie und Bevölkerung; er steigt in demselben Verhältnissewie diese. In Rußland ist der Morgen Landes etwa 30 Thlr. werth (im Innerndes Reiches gar nur 20), in den russischen Ostseeprovinzen 40 — 80, in den preu-ßischen 60—80; in Schlesien erreicht er schon die Höhe von 100 Thlr., in der Pro-vinz Sachsen sowie an der ganzen Ober- und Unterelbe die von 150 —180; amRhein gilt der Morgen Landes schon über 200, in Frankreich 300, in England so-gar 400 Thlr. Wie gesetzgeberische Maßregeln wohlthätig wirken können, zeigt z. B.die Freigebung des Transithandels mit Salz, der seitdem einen alle Erwartung über-treffenden Aufschwung genommen hat, und der um so wichtiger ist, als die Schiffedurch die Salzeinfuhr eine Rückfracht gewinnen, durch welche andere Geschästsver-hältniffe wesentlich erleichtert werden. Stettin ausgenommen, ist jetzt leider vonSpeditionsinteressen der preußischen Ostseehäfen kaum noch die Rede. Bei dem ganzenostseeischen Import kommt hauptsächlich nur noch Stettin in Betracht. Seine Über-legenheit gehört wesentlich der neuern Zeit an, und es verdankt dieselbe dem Um-stände, daß es der Mund der deutschen Oder ist, wie Hamburg der Mund der Elbe

*) Die Ausführung deß bereits von Friedrich dem Großen entworfenen, und jetzt wiederaufgenommenen Plans: durch einen Kanal die obern malerischen Seen bei Angerburg undLotzen (Spirding-, Mauer- und Löwentinsee) zur Waarenverfuhr nach Königsberg nutzbar zumachen, müßte goldene Früchte tragen. Eine Wasserverbindung mit dem Pregel und der Ostseewurde das Antlitz des preußischen Lithauen und des von der Natur mit Reizen beschenktenMasurens ändern können, schon weil dann eine große Masse Holz in den Forsten aus Mangelan Absatzgelegenhcit nicht länger verfaulen dürste. Vielleicht daß dann auch die Eisenhütten-werke wieder in Betrieb kommen und die sich vorfindenden Rasenerze verwerthet werden.