128 Die preußischen Ostprovinzen und ihre Weltstellung.
waren. Solche Ansprüche hat ohne Zweifel besonders Stettin wegen seines histo-risch begründeten Rechtes auf Sundzollfreiheit, in dessen Ausgeben es nie einwilligte.Nur den Belauf der wirklichen Leuchtthurm- und Feuergelder haben stettiner Schifferechtlich zu entrichten, gleich allen übrigen Schiffen. Wollte Preußen bei etwanigerVerhandlung über den Sundzoll in eine Reduction desselben einwilligen, und wärees auch bis zu einem Procent vom Werthe der Waaren, so würde seinen Ostseehandeldiese Ermäßigung immer noch sehr drücken: denn die Schiffe würden stets im Sundeanhalten müssen, was, abgesehen von der ihnen auferlegten Demüthigung des Strei-chens der Segel u. s. w., mit Gefahren, Zeit- und Geldverlusten verbunden ist.
Während England nur ein Zwölftel seiner auswärtigen Schiffahrt durch denSund sendet, gehen von der ostpreußischen drei Viertel bis sieben Achtel durch den-selben. Preußen suchte daher wol längst den Druck, welchen die mit den Bedürf-nissen unserer Zeit im entschiedensten Widerspruch stehende, in jeder Hinsicht excep-tionelle Zollerhebung an den Thoren der Ostsee auf seinen und den deutschen Handelausübt, durch ein den beiderseitigen Interessen entsprechendes gütliches Abkommen,durch Capitalisirung und Abkaufung des Zolls nach einem billigen Durchschnitt dernach Preußen gehenden Schiffe zu beseitigen. Dänemark hat jedoch in dieser Fragestets einer kurzsichtigen, blos das nächste, handgreiflichste Interesse berücksichtigendenPolitik gehuldigt und nur Angesichts eines überlegenen Zwanges sich entschließenkönnen, gerade so viel an seinem Erhebungssystem aufzuopfern, als eben den Umstän-den nach unumgänglich nöthig war. Zwar schien es in neuerer Zeit ein mal ernst-lich zu wünschen, sich des zweideutigen und precairen „Juwels seiner Krone", dasin Wahrheit nur ein Fleck an seinem politischen Körper ist, im Wege friedlichenÜbereinkommens zu entkleiden; es trat 1839 mit AblLsungsvorschlägen hervor^ nachwelchen die Ostseestaaten die Entschädigung nach Verhältniß des Betrags ihres Han-dels zu der Sundzolleinnahme übernehmen sollten. Allein Rußland erhob sich ge-gen einen solchen Vergleich, und Dänemark suchte sich dem Ansinnen nun dadurchzu entziehen, daß es behauptete, ohne Rußlands Beitritt (das seinerseits seine schwie-rige Finanzlage dagegen vorschützte) den Vergleich nicht eingehen zu können.
Mittlerweile stellte sich England, das ein näheres Ziel, nämlich die Zurückfüh-rung des Sundzolls in die vertragsmäßigen Grenzen, vor Augen hatte, an die Spitzeder Unterhandlungen, wodurch das Ablösungsproject in demselben Maße zurückgescho- ;den wurde, als die Tariffrage in den Vordergrund trat. Nachdem es Dänemarkgelungen war, auf diese Weise, und nicht zu seinem Schaden, wie die Erfahrung bereit- ^
erhärtet hat, zu einer Ausgleichung der obschwebenden Differenz durch die auf zehn !
Jahre geschlossene Übereinkunft von London und Helsingör (vom 13. Aug. 181!) s
zu gelangen, der später Schweden beitrat, mußte man sich bald überzeugen, dasDänemarks Neigung, zu jenem endlichen Übereinkommen die Hand zu bieten, in §
demselben Maße abgenommen hatte, wie es sich im Besitze des neubegründeten Zu- r
standes befriedigt und für die nächste Zukunft gesichert fühlte. Aber die neuen dä- §
nischen Tarife vom 1. Jan. 1842, auf der Grundlage des zweihundertjährigen Tari'- j
von Christianopol, konnten das dringende Interesse des preußischen Handels auch ^
nicht entfernt befriedigen, indem sie die schreiendsten Misbräuche fortbestehen ließen, e
Nicht einmal die Zurückführung aller zur Kategorie der nicht specificirten Artikel gc- s
hörenden Waarenzölle auf den vertragsmäßigen Satz von 1 Procent vom Werthe ^
wurde erlangt; mehre der wichtigsten Importartikel, die eigentlich zu dieser Kategorie ^
gehören, wie Rohzucker, Salz, Roheisen u. s. w., blieben mit höhern, zum Theil ^
unmäßigen Zollsätzen belegt. Außerdem blieb die so oft und dringend verlangte Re- s
form des ganz willkürlichen und drückenden Sportelwesens liegen, und die Verpflich- h
tung der Schiffer zum persönlichen Erscheinen vor der Sundzollkammer behufs derZollclarirung wurde sogar förmlich anerkannt. Für billigere Regelung der Lootsen-taxen geschah gar nichts, ja man trug kein Bedenken, Dänemark sogar eine Erhö-hung der Feuer- und Baakengelder um 12'/-ihres Betrags zu bewilligen, obw°ldiese drei mal mehr betragen als die etatsmäßige Ausgabe dafür. Demgemäß er-