136 Das volkstümliche Heerwesen.
des Volkes zur Kehrseite derselben zu rechnen pflegt, an sich tragen. ' Dies wirdaber nur so lange der Fall sein, als das volkstümliche kriegerische Element unsererZeit noch nicht vollständig durchgebrochen ist und somit auch seine eigenthümlicheGestalt noch nicht herausgearbeitet hat. Man merke aber auf das Wahrzeichen seinerAuferstehung! Wenn erst die tausend und abertausend Jünglinge, der Kern unsererjungen Volkswehr, welche jetzt in dem mächtigen Dränge, den die Zeit in sie legt,zu den Waffen greifen, wenn diese durch die erste Weihe der Schlachten geschrittensind, dann wird auch die Volkswehr in ihrer eigenthümlichen Kraft und in ihrer ,wahren Bedeutung und Entwickelung hervortreten. Dann werden sich aus den Massenauch wahre volksthümliche Führer emporheben, die ihre Jugend nicht in Kadetten-- iHäusern verdorben, welche die Fäden, die sie mit dem Volke zusammenhalten, nichtin einer kastenmäßigen Bildung abgerissen haben: Führer, die mit der ganzen Kraftfreier Bildung und mit Benutzung aller der nöthigen materiellen Erfahrung, die unsdie stehenden Heere überliefern, die volksthümliche Bewaffnung in ihrer reinstenBedeutung zur Ausführung bringen müssen.
Aber auch selbst, wenn der Sturm, der gegenwärtig über die Völker hinfährt,die glimmenden Elemente nicht zur Flamme eines allgemeinen Krieges entzündet, so >wird jenes Ziel dennoch erreicht werden. Wir haben jetzt noch keine Ahnung vonden Kräften, welche in dem Volke schlummern und bei volksthümlicher Ausbildungdes Heerwesens für dieses gewonnen werden können. Stellen wir uns nur die Ergän-zung unserer stehenden Heere einigermaßen deutlich vor. Außer der großen Masse,welche zum Militairdienst gezwungen wird, gingen die freiwilligen Elemente desselben,die Offiziere, bisher einestheils aus der unreifen kindischen Lust am blitzenden, prun-kenden Waffentand, anderntheils aus der Untüchtigkeit zu irgend einem andernStande, der angestrengte Thätigkeit, Fleiß und Geistessähigkeit verlangt, hervor. ^Wir behaupten damit keineswegs, daß sich nicht viele Einzelne, nachdem sie zur *
Erkenntniß ihrer selbst und Dessen, was um sie ist und lebt, gekommen waren, ausdem Moraste der Gewöhnlichkeit zu einer edlern, zu einer höher» geistigen Thätig-keit emporgeschwungen haben; auch ist nicht zu bezweifeln, daß Manche sich demWaffendienste nur widmen, weil sie von einer höher» Anschauung getrieben werden.Allein wie viele sich auch unter der Zahl der deutschen Offiziere befinden mögen,die mit selbständigem und Hellem Geiste das Wesen ihres Beruss erfassen, so bleibendieselben doch immer nur Einzelne. Die Masse war bisher versumpft, sie war soin Kastenvorurtheile hineingewachsen, daß ihr jedes Rütteln an dem alten Militair-gcbäude als Hochverrath erschien und jede Kritik sie zur leidenschaftlichen Gegenwehraufstachelte. Napoleonisches Soldatenwesen war noch vor kurzem das Ideal unsererEpaulettenträger. Es gab fast keinen Lieutenant, der, wenn er es ernstlich mitseinem Stande meinte, nicht seinen Napoleon, Napoleonische Schlachten oder Scenenaus dessen Leben in verschiedener Weise geformt, gemalt, gestochen oder lithographirtin seinem Zimmer zur Schau trug. Und doch war in der ganzen Entwickelungunsers deutschen Militairlebens seit dem Jahre 1815 nicht eine Spur von dem Geistedes aus der Republik hervorgegangenen französischen Kriegerlebens der Kaiserzeit zu !erkennen. Es fehlte unserm Militairleben nicht allein die Volksthümlichkeit, welchediesem eigen war, sondern unsere Helden psr exoellsnos, die Offiziere, besaßen auch 'nicht ein Fünkchen von jener edlen Charaktergröße, welche den damaligen französischenSoldaten auszeichnete, ja nicht einmal den Begriff davon. Man prügelte und pei-nigte den gemeinen Soldaten nach Herzenslust, ganz paschamäßig, wie zum Ver-gnügen, gab dem Bürger Ohrfeigen, wenn er „muckste", stolzirte einher wie einPfau, benahm sich Wie ein von Gott Auserwählter, war dabei möglichst lieder-lich, machte unverschämt Schulden u. s. w. So war ein großer Theil jener Männerbeschaffen, welche den großen Kaiser beim dritten, vierten Worte im Munde hatten,wenn auf ihren Stand im Allgemeinen die Rede kam. Auf solche Weise wurdeman ein tüchtiger Offizier, „den man brauchen kann", wie es hieß. Kaum wares einem sparsamen, fleißigen und aufgeklärten Manne, der den offiziecsmäßi-