Band 
Erster Band.
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Das volkstümliche Heerwesen.

Möge der Geist einer ruhigen, ungehinderten Entwickelung, möge eine glückliche äußereGeschichte jenen gewaltigen Elementen eine weite Bahn eröffnen, damit sie nicht wieglühende Lava aus ihrer stummen Verborgenheit hervorstürzen und den Zeitgenossen,anstatt zum Heile, zum Verderben gereichen. Zu dieser glücklichen Wendung gehörtnun freilich etwas, das unmöglich scheint, nämlich: das Ausgeben des blinden Wider-standsgeistes, der Reaction von oben. Es gehört dazu, daß unsere Machthaber undMilitairhierarchen die große in der Geschichte begründete Wahrheit einsehen lernen,wie Alles, was einem Zeitalter angehören und in demselben lebendig und nützendwirken soll, auch aus der Idee des Zeitalters geboren werden muß, und wie dem-nach in gleicher Weise die Gestaltung des Heerwesens mit der Entwickelungsgeschichteder Völker und, in Bezug auf die gegenwärtige Zeit, die Volksbewaffnung mit derVolkssreiheit selbst, dem Quellpunkte unsers zeitgeschichtlichen Lebens, aufs innigstezusammenhängt.*) Wir werfen nun einen Blick auf die drei ersten MilitairstaatenEuropas, auf Frankreich, Rußland und Deutschland, um zu sehen, welche Elementedieselben für ein volksthümliches Heerwesen bereits darbieten, und knüpfen dann andie gewonnenen Resultate diejenigen Gesichtspunkte an, welche unserer Überzeugungnach bei einer durchgreifenden Ausbildung des volksthümlichen Heerwesens in unsermVaterlande im Auge behalten werden müssen.

Der allgemeine Charakter des französischen und des russischen Heerwesens.

Mag man über die Heere unserer beiderseitigen Nachbarn, der Franzosen undder Russen, denken wie man will, immer wird man zugestehen müssen, daß diefranzösische und die russische Armee kriegsgeübter sind als die deutsche, daß fernerdas Heerwesen beider Staaten in vielfacher Beziehung ein volksthümlicheres Geprägeträgt als das. unserige. Die eigentliche innere Stärke eines Heers beruht in dervollständigen Übereinstimmung des dasselbe durchdringenden Geistes mit dem Charakterund den allgemeinen Bedürfnissen der Nation. Je mehr die Begriffe Nation undHeer sich verschmelzen, je kriegerischer einerseits die Nation, je volksthümlicher an-dererseits das Heer ist, um so kräftiger wird ein Volk in seinen Kämpfen auftreten.Dies ist eine unumstößliche, historisch gerechtfertigte Behauptung. Nicht minder wahrist es aber darum auch, daß Charakter und Bildungsstufe eines Volkes, sowie derStandpunkt seiner politischen Entwickelung, bei seiner Wehrverfaffung nicht ohneGefahr außer Acht gelassen werden können. Das französische Heer ist stark, weildurch fortwährende Eroberungszüge der eigenthümliche kriegerische Sinn der franzö-sischen Nation, ihre Eitelkeit, Ruhmsucht genährt und gepflegt worden sind, weilder rasche, bewegliche, leicht entzündliche Geist dieses Volkes in seinem Militairlebenweder durch strenge taktische noch disciplinarische Formen erdrückt, sondern durch dieseeher gehoben und bewahrt wird. Es ist stark, weil es von einem außerordentlichenSelbstgefühle durchdrungen ist, von einem Selbstgefühle, welches nicht allein, wiedas der preußischen Armee in der trostlosen Zeit von 1806, lediglich nur in großenhistorischen Erinnerungen, sondern insbesondere auch in der Geltung beruht, die manin Frankreich selbst dem gemeinen Soldaten widerfahren läßt. Die Behandlung desgemeinen französischen Soldaten kann nicht nur eine milde, sie muß im Vergleichzu der bisherigen Behandlung des Soldaten in andern europäischen Staaten einehumane genannt werden. Der in Frankreich sehr geachtete Stand des Offiziers warbisher keine abgeschlossene Kaste, keine Sinecure für höhere Stände, für den Adel,für Offiziers - und Beamtensöhne; nur ausgezeichnetes Wissen und kriegerisches Ta-lent bahnten dort seit der ersten Französischen Revolution bis auf den heutigen Tagden Weg zu höhern Stellen. Auch der gemeinste Mann des Heeres trägt das stolze

*) Wie die Gestalt des Heerwesens aufs innigste mit dem Charakter und den übrigen Le-bensformen einer Epoche zusammenhängt, hat der Verfasser unlängst in geistvoller Weise inseiner Schrift „Stehendes Heer und Volkswehr" (Manh. 1848) dargethan.

D. Red.