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Das volkstümliche Heerwesen.
welcher der Hauptschöpfer Her gegenwärtigen russischen Militärmacht ist, unsere Be-wunderung zu zollen, selbst auf die Gefahr hin, von einem Deutschthümler undeut-scher Gesinnungen bezüchtigt zu werden. Der Kaiser weiß so gut wie wir, daß diedeutschen Heere nur allein deshalb von den französischen Heeren der Republik unddes Kaiserreichs allenthalben geschlagen wurden, weil sie, in dem Schlendrian desleblosen, starren Zopfwesens versunken, keinen Funken von Nationalgefühl, keineSpur von einer dem Geiste der Zeit entsprechenden beweglichern Kriegskunst besaßen.Er weiß aber auch, daß er es nicht mit Deutschen, sondern mit einem ungebildeten,vermöge seines Nationalcharakters und seiner frühern Schicksale unterwürfig, thatlosund knechtisch gewordenen Volke zu thun hat. Was würde der Zar für ein Heerbesitzen, wollte er die in Westeuropa, vorzüglich aber in Deutschland auftauchendendringenden Wünsche nach einer allgemeinen freien Wehrverfassung verwirklichen? MitAusnahme der Kosacken könnte er nicht viel Besseres als ein zerlumptes, räuberi-sches Gesinde!- zusammenbringen, das beim ersten Kanonenschuß Reißaus nehmenwürde. Nur die strengsten militairischen Formen können hier, gerade wie zu jenerZeit, als in Westeuropa der selbständig wirkende Volksgeist entschlummert war, indem unselbständigen Volke kriegerische Tüchtigkeit bewirken. Der Kaiser, so gerne ervielleicht seinem Heere eine milde Behandlung, eine freiere Bewegung, ähnlich derin den westeuropäischen Heeren gebräuchlichen, gönnen möchte, schreitet doch nurganz allmälig in der Befreiung des Linienmilitairs von steifem Zwange und strengerZucht vorwärts. Erst vor wenigen Jahren wurde das Prügelsystem in der russischenArmee aufgehoben, sodaß jetzt nur noch vermöge eines kriegsrechtlichen Erkenntnissesgeprügelt werden darf. Dabei ist aber die militairische Disciplin in keiner Weise gemä-ßigter geworden. Was wir geradezu als Unsinn und Menschenquälerei bezeichnenwürden, wenn es uns in Deutschland zu Gesicht käme, ist in Rußland allgemeiner,als nothwendig erkannter Gebrauch.
Ein preußischer Offizier, der vor einiger Zeit eine Reise durch Rußland machte,und die daselbst beobachteten Militaireinrichtungen auf eine sehr anziehende Weise zurDarstellung brachte, erzählt unter Anderm, daß er unbemerkt dem Einexerciren ganzroher Rekruten beigewohnt habe, bei welcher Gelegenheit er sah, daß ein Griff,wie z. B. das Präsentiren des Gewehres, vier Stunden hintereinander, ohne Auf-hören und nur mit ganz kleinen Zwischenräümen, bei einer sonst ganz freundlichenBehandlung, geübt wurde, sodaß die Bewegungen endlich so regelmäßig und gleich-förmig wie die eines Uhrwerks waren. Dabei sei aber, sagt unser Berichterstatter,nicht die geringste Mishandlung vorgekommen. Im Gegentheil, die Geduld und eif-rige Freundlichkeit der Unteroffiziere habe ihn überrascht. Wo anders wäre man imStande, den Soldaten zu einem solchen Doppelwesen auszubilden, als wie es inRußland in den Dragonerregimentern geschieht? Ein Dragonerregiment ist allenthal-ben in Westeuropa nichts Anderes, als eine zwischen schwerer und leichter Reitereimitten innestehende Reitergattung. Das Exerciren zu Fuß solcher Dragonerregimen-tcr wird im höchsten Grade nothdürftig behandelt, weil man einsieht, daß, wollteman bei der in Westeuropa üblichen Dienstzeit den Dragoner mit eben der Auf-merksamkeit zum Infanteristen ausbilden wie zum Reiter, man weder einen gutenInfanteristen noch einen guten Reiter erzielen würde. In Rußland gibt ein Dra-gonerregiment, wenn es zu Fuß excrcirt, dem bestdressirtcn östreichischen Grenadier-bataillon, und zu Pferde der besten westeuropäischen Reiterei nichts nach. Wie tiefdiese Disciplin mit dem Wesen des russischen Volkes verwachsen, oder vielmehr wieentsprechend sie dem Bildungsgrade desselben ist, und wie wenig das Bedürfniß nachfreierer Bewegung vorherrscht, zeigt sich in der merkwürdigen Erscheinung, daß derrussische Soldat auch in den unbewachtesten Augenblicken, bei den gleichgültigstenDienstverrichtungen das ihm Vorgeschriebene mit derselben Pünktlichkeit thut, alsbefände er sich vor seinem Vorgesetzten. Der im einsamen Wallgange einer abgele-genen Festung auf- und abschreitende Soldat macht seine Handgriffe gerade so, alshätte er in Petersburg Specialrevue vor dem Kaiser; selbst bei den größten Anstren-