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Das volkstümliche Heerwesen.
Die Landsknechte des 19. Jahrhunderts.
Gar Mancher, der sich selbstgefällig „deutscher Soldat" nennt, der mit Begei-sterung die Verse des Pappenheimer Kürassiers recitirt, der nichts Höheres konntals mit der Flinte auf dem Rücken frei und sorglos in die Welt hineinzuziehen undjedem kriegführenden Herrn zu dienen, dessen Sold ihm winkt, der seine Familie,Haus und Hof vergißt über der wilden Lust des Soldatenlebens, wird über solcheAndeutungen den Kopf schütteln und meinen, dem Deutschen fehle nichts als eintüchtiger Krieg, um wieder ein rechter, ausgepichter Kasernensoldat zu werden. Fürihn ist der lange Friede an dem Allen schuld. In dem nächsten großen Kriege,meint er, da kommen die Landsknechte wieder aus Bret, und dann hört all dasGefasel von freiem Wassenthum und dergleichen von selbst aus; dann herrscht derechte Soldat wieder und — o welch ein Glück! — dann wird sich das Bürgervolkwieder vor dem Soldaten beugen müssen, das Bürgervolk, das jetzt mit so beleidi-gendem Selbstgefühl an ihm vorüberschreitet; dann kehren die schönen Zeiten derzwanziger Jahre wieder! Indessen, wenn wir die Zeit recht verstehen, so möchtensich doch unsere Landsknechte einigermaßen verrechnet haben. Glauben denn jene Sol-daten par exosllsnos ernstlich, Deutschlands Heere vermöchten in ihrer gegenwärti-gen Organisation, mit diesem Geiste, der sie beseelt, oder vielmehr mit dieser eigen-thümlichen, aus dem Widersprüche der Zcitfoderungen und dem Wesen der stehendenHeere hervorgehenden Apathie, mit dieser Unfähigkeit, sich mit großen, beseelenden,volksthümlichen Ideen zu durchdringen, französischen oder russischen Heeresmassenallein zu widerstehen? Sie werden es nicht vermögen, heute so wenig wie ehemals,und wenn jeder deutsche Bataillonschef ein Napoleon wäre. Die deutschen stehen-den Heere müssen im Gegentheil, wenn sie sich nicht durch echt volksthümliche In-stitutionen heben und kräftigen, wenn sie sich nicht auf andern Grundlagen her-stellen, aller Orten, wie ehemals, geschlagen werden, und das Vaterland wird derVerwüstung preisgegeben sein. Was wird dann geschehen? Das Volk wird ebenwieder helfen müssen, wie im Jahre 1813; die Nation wird sich wieder erheben,aber unter ganz andern Auspicien wie damals, unter Auspicken, welche der Herr-schaft des landsknechtischen Soldatenwesens, wie noch gar vielen andern Dingen,wol für immer das Ende verkündigen dürften. Doch warum das Bild einer gewitter-schwangern Zukunft heraufbeschwören, die sich uns vielleicht nur zu bald zur Gegen-wart gestaltet; warum diese eingefleischten Söldner über Dinge belehren-wollen, diesie nun einmal nicht begreifen können, nicht begreifen wollen, da der rechte Sinnvon Dem, was man Volksthümliches Leben, Volksfreiheit u. s. w. nennt, durch einezersetzende, vom Volke loslösende Erziehung in ihnen gänzlich erstickt worden ist!
Soldheer und Volkswehr.
Es erhebt sich nun die Frage: soll man nicht Das, was doch einmal ins Leber»treten muß, und was wir, überlassen wir es dem Laufe der Dinge, unter den gegenwältigen Verhältnissen später wahrscheinlich mit der Verwüstung des Vaterlandeserkaufen dürften, gleich von vornherein organisiren? d. h. sollen wir nicht schon jetzt,im Frieden, die Grundlagen zu einer wahrhaft volksthümlichen und somit kräftigendeutschen Volkswehrverfassung zu legen suchen? Wol jeder Vorurtheilslose und seineZeit Begreifende wird diese Frage bejahen. Wolksthümlich kann aber in gegenwärti-ger Zeit eine deutsche Wehrvcrfassung vor allem nur dann werden, wenn sie Bedin-gungen in sich trägt, welche das Bewußtsein eines freien Staatsbürgerthums unddas Gefühl einer großen starken Nation, statt, wie es in den jetzt bestehenden deut-schen Heeren geschieht, zu unterdrücken, zu heben und zu kräftigen vermögen, odernnt andern Worten, Bedingungen, die den sittlichen Federungen und dem Charak-ter der Zeit und der Nation entsprechen. An der Spitze dieser Bedingungen, auf deneneine solche zeitgemäße Wehrvcrfassung beruht, steht nun: die allgemeine Wehr-pflicht in Sachen der Nation, die durch keine Sonderwehrpflicht gestört seinDie Gegenwart. I. 10