Band 
Erster Band.
Seite
152
JPEG-Download
 

152

Das volkstümliche Heerwesen.

Zeit eigenthümliche geworden ist, und die sowol der Schießfertigkeit als auch demMuthe, den beiden Hauptpotenzen einer Volkswehr, den größtmöglichen Spielraumgönnt, nämlich: den Bayonnetangriff in geschlossenen Massen im Vereine mit derFeuerwirkung der zerstreuten Ordnung.

Besäße nun aber der Deutsche eine solche Wehrverfassung, wie sie hier freilichnur angedeutet worden, so würde sein Gefühl für echte menschliche Freiheit, die eineFederung der sittlichen Menschennatur ist, nicht unterdrückt werden. Man würdeseinen Bürgerpflichten, seinem materiellen Wohl nicht zu nahe treten, man würdeihm keine leeren, unnützen, lächerlichen Formen, Paradespielereien u. s. w. auferle-gen, sondern,ihn geradezu auf den wahren Zweck der Bewaffnung hinführen;„seinekriegerischen Übungen würden größtentheils in heimatlichen, volksthümlichcn Übun-gen bestehen, die ihn nicht zwängen sein Leben in einer unheimlichen Kaserne, einerArt Kloster, hinzubringen. Dann erst würde sich der Mann „fühlen lernen", dannzöge er mit Freuden zum Schießhause oder auf den Waffenplatz, dann ließe er sichfür das Waffenthum begeistern. Sein Gehorsam würde zur freien innern Über-zeugung werden, bei der es nicht, wie in unsern Kasernen, der ewigen Anmah-nnngen durch Drohungen, Arreststrafen u. dergl. bedürfte. Der Wehrmann wäreein starker bewaffneter Bürger voll Selbstgefühl und kein unterthäniger Söldling mehr,dem jeder Schritt und Tritt auf dem Exercirplatz oder in der Kaserne zuwider ist,und der gewöhnlich auch die besten Absichten des besten Vorgesetzten verkennen muß.

Die Reiterei.

Die volksthümliche Kampfweise des Abendländers ist die Kampfweise zu Fuß,und in dieser Thatsache ist auch die Behauptung gegründet, daß die abendländischenVolksheere ihre Hauptthätigkeit im Fußkampfe suchen müssen und ihre Kraft in einerzahlreichen Cavalerie nicht zersplittern dürfen. Noch eindringlicher aber wird die Fede-rung, wenn man sich Das vergegenwärtigt, was oben über die russischen Heere mitge-theilt worden ist, wenn man sich überhaupt die Mühe nimmt zu vergleichen, was einezeitgemäß organisirte und durchbildete Reiterei da, wo sie volkstümlich ist, wie imhalbasiatischen Süd - und Ostrußland, zu leisten vermag, im Gegensatz zu dem abend-ländischen Nciterwesen. Es kann als gewiß angenommen werden, daß in einemzukünftigen Kriege mit Rußland die deutsche Reiterei vor der eigenthümlichen Kraftder Kosackenheere allenthalben zerstieben, ja auch der übrigen russischen Reiterei,welche vermöge ihrer langen Dienstzeit aus das vorzüglichste ausgebildet ist, unter-liegen wird. Dies bestätigen die einsichtsvollsten militairischen Kenner des heutigenRußland. Warum nun diese massenhafte Anhäufung von kostbarer Reiterei inDeutschland? Was ließe sich erschaffen, wenn man nur die Hälfte Dessen, was manin Deutschland für Cavalerie ausgibt, auf die Entfaltung der volksthümlichcn Wehr-kräfte Deutschlands verwendete! Die in Deutschland volksthümliche Kampfweise istaber die Kampsweise zu Fuß; dies hat sich zu allen Zeiten bewährt, in den erstenRömerkriegen wie in den Befreiungskriegen der Schweiz, in der Zeit der Lands-knechte wie im Dreißigjährigen Kriege. Wenn deutsche Ritter ausgezeichnete Käm-pfer waren, so muß man dies nicht ihrer besondern Kampffähigkeit zu Pferde zu-schreiben, ebenso wenig als der Ruhm der deutschen Reiter in Frankreich, den sie inden Zeiten der Hugenottenkriege und später genossen, von ihren ausgezeichneten Lei-stungen als Reiter herrührt. So ausgezeichnet die deutschen Ritter in Rücksicht ihrerKühnheit und Kraft waren, so gering sind die Erfolge, die sie in größern Kämpfenerfochten, ja so schmachvoll waren ihre Niederlagen einer volksthümlichcn deutschenFußvolksbewaffnung gegenüber. Anstatt daß die so berühmten deutschen Reiter(lloitrss) des 16. und 17. Jahrhunderts mit dem Schwerte in der Hand aufden Feind eingestürmt wären, courbettirten sie langwierig vor demselben herum undschössen ihre Arquebusen und langen Pistolen höchst nutzlos auf denselben ab. Siehaben daher auch trotz der größten Tapferkeit nie Erfolge von nur einiger Bedeutungerrungen. Die östreichischen Ritter bei Sempach, welche vom Pferde stiegen, um