Das volkstümliche Heerwesen. 153
ihren Gegner zu überwältigen, folgten deutlich dem eingeborenen dunkeln Triebe,der sie auf den Fußkampf anwies. Dennoch vermochte dieser innere Trieb die mäch-tigen Vorurtheile der Zeit nicht zu überwältigen, und die Kraft wurde in einer für unSnaturwidrigen Kampfweise nutzlos vergeudet. Noch hängen wir an denselben Vorur-theilen, indem wir unsere Kraft durch zahlreiche Reiterei zersplittern. Erst dann, wennman das deutsche Schützenwesen in allen deutschen Gauen kräftig zu heben sucht, wennman ihm ohne Gefährdung seiner volksthümlichen Eigenthümlichkeiten eine praktischeOrganisation und feldwäßige Bewaffnung gibt, die sich auch auf die Artilleriewaffenerstrecken muß, erst dann wird man die wahrhaft wirksame, die eigenthümlich deutscheWehr heranbilden, welche den ebenso eigenthümlichen russischen Streitkräften und jederandern Streitmacht mehr als überlegen ist. Denn einer volksthümlichen Bewaff-nung vermag nur eine volksthümliche Bewaffnung zu widerstehen. So wenig mandaher im Stande ist, in Westeuropa auch bei den größten Bemühungen ein Kosacken-hcer mit seinem eigenthümlichen, gegen westeuropäische Reiterei so wirksamen Wesenzu erzeugen, ebenso wenig vermag der Kaiser von Rußland aus dem stillen that-losen Volke des innern Rußland, oder in den Kosackenländern, ein Volksschützen-heer mit jener eigenthümlichen Schlagfähigkeit und geistigen Kraft, wie es aus einemfreien deutschen Bürgerthume jeden Augenblick hervorzuzaubern wäre, zu erschaffen.Und wie ungewiß auch die Widerstandsfähigkeit der gegenwärtigen deutschen stehendenHeere den starren Massen des russischen Linienmilitairs gegenüber, in ihrer glücklichenVerbindung mit den Kosacken, sein mag, so wird es einem russischen Heere dochnicht gelingen, einem großartigen deutschen, zeitgemäß und volksthümlich organisirtenVolksschützenheere die Spitze zu bieten.
Wie richtig nun aber diese Ansicht über abendländische und morgenländischeKampfweise dem unbefangenen Leser erscheinen mag, so dürfte sie doch von den An-betern des stehenden Heeres als ganz besonders verwerflich und lächerlich verdammtwerden. Von Jugend auf in die überlieferten starren Dogmen der Militairhierarchiehineingepreßt, vermögen sie sich nicht zu denken, daß es außer den stehenden Heerenin ihrer gegenwärtigen Einrichtung noch etwas Anderes, Zweckmäßigeres geben könne,oder daß je die Menschheit vermöge ihrer Entwickelung, vermöge neuer, Bedürfnissezu andern Formen und Grundlagen der Bewaffnung fortschreiten könne. Wie derin seinen Standesvorurkheilen blind hinstürmende und von seinem gepanzerten Thiereverächtlich auf das Volk Herabschauende Ritter sich und seinen Stand für unfehlbarhielt und jede Bewaffnung, jede Kampfweise, die nicht so beschaffen war, wie dieseit Jahrhunderten gebräuchliche, von Grund des Herzens verachtete und verspottete;wie dieser nach den vielen Niederlagen, anstatt sich allmälig in die Federungen derZeit zu fügen, nur um so hartnäckiger an seinen Vorurtheilen festhielt: so scheinen auchdie Vertreter des bisherigen Heerwesens ihren Sinn gegen Alles abgesperrt zu haben,was sich nicht mit dem Wesen der heutigen stehenden Heere vereinbaren läßt. Fürsie existirt keine Geschichte, kein Volksleben, keine Entwickelung. Dies ist aber geradeeines der vielen bedeutungsvollen Zeichen, daß die Bestrebungen der Gegenwart imBewaffnungswcsen nicht ohne Erfolg sein werden, daß auch in dieser BeziehungDas, was an dem wieder lebendig gewordenen Baume des Volkslebens hervorsprießt,seine endliche Vollendung in schönen kräftigen Früchten erreichen wird! Und dieseAnsichten, die hier ausgesprochen werden, stehen nicht vereinzelt; sie treffen zusam-men mit dem Ausspruche eines hochachtbaren Mannes, des edlen General von Clau-sewitz, vor dessen Geist sich auch die eingefleischtesten Militairhierarchen beugen müssen.Schon in den zwanziger Jahren hatte er der Hauptsache nach seine militairischenArbeiten (wie sie uns jetzt in seinen „Hinterlassenen Werken über Krieg und Krieg-führung" entgegentreten) vollendet, in einer Zeit, wo von den höchst bedeutendenFortschritten der Fußvolksbrwaffnung, wenigstens von der Möglichkeit ihrer Anwen-dung im Heerwesen, noch ga» keine Rede war. Dennoch aber erklärte er mit pro-phetischem Geiste: „ Wir haben Mühe zu glauben, daß das Verhältniß, auf welchessich Reiterei und Fußvolk seit 80 Jahren gestellt und erhalten haben, das natürliche,