156 Die geographisch-politische Weltlage Italiens.
Aber auch diese vermittelnde Bedeutung Italiens fand ihr Ende. Sie horteaus als im Beginn der neuen Zeit die germanischen Völker, durch die Reformationtiefer in die Innerlichkeit ihres individuellen Wesens geführt und sich der ewig posi-tiven Basis des Lebens zuwendend, mit selbstbewußter Kraft der freien Subjektivitätsich nicht blos von der verweltlichten römischen Kirche, sondern überhaupt vom ro-manischen Wesen lossagten und ihr geistiges Centrum in sich selber fanden. Siehörte auf, als zugleich damals auch ein innerer Drang den Menschen nicht blos anund über ein Binnenmeer, sondern über das erdumgürtende Weltmeer Hinaustrieb;als, wie einst Cäsar den Norden Europas, so ein anderer Italiener, Colombo, diedunkeln Ahnungen von einer westwärts liegenden, entweder noch vorhandenen oderverschlungenen Atlantis durch die Entdeckung der neuen Welt zur Wahrheit machte,aber unbewußt dadurch sein Vaterland aus dem Mittelpunkt des Weltverkehrs sehte.Sie hörte auf, als weiter das Wunderland der Ferne, das sagen- und producten-berühmte Indien, und mit demselben ganz Süd- und Ostasien durch die Auffindungdes Seeweges über den alles feste Land umschlingenden, nun aber nicht mehr tren-nenden Ocean durch europäische Völker geöffnet und allmälig in die Geschichte hin-eingezogen wurde. Denn jetzt verließ die weltgeschichtliche Bewegung die mediterraneSeite Europas und wandte sich der oceanischen zu, an welcher sie sich von der Pe-ripherie bald mehr dem Centrum, von den romanischen bald den germanischen, sub-jectiv zähern und kräftigern Völkern zuwandte. Die nur vom Mittelmeer bespül-ten, wie die vom Centrum Europas getrennten Länder sanken zu secundärer Bedeutungherab; denn die oceanischen Staaten hatten angefangen, die Geschichte Europas zubestimmen. Statt des Mittelmeeres war der Atlantische Ocean das Meer für dieVermittelung des Weltverkehrs geworden, und dadurch war Italien um seine welt-geschichtliche Bedeutung gebracht. Die große Weltstraße führte nicht mehr durchdas Mittelmeer, sondern durch den Ocean.
Aus diesen Andeutungen geht hervor, daß in der neuen Zeit die geographischePosition Italiens, von welcher dessen weltgeschichtliche Bedeutung abhängt, wesentlichverändert ist. Es hat eine große geschichtliche Vergangenheit hinter sich, der dieGegenwart nicht entspricht. Das fühlt man, und darum bewirkt die Erinnerungan den Ruhm früherer Tage nur Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen, nothwendigveränderten politischen Lage und erzeugt zugleich im Volke eine durchaus verkehrteVorstellung von seiner politischen Wichtigkeit in der Gegenwart überhaupt. Ganzbesonders schroff tritt aber diese Überschätzung in den neuesten Bewegungen hervor.„ Italien soll nicht blos zur Wahrung politischer Freiheit und Selbständigkeit zur Ein-heit verschmolzen werden, sondern es soll sich zum Primat über alle Völker erheben;es soll der Stamm werden, an welchem alle übrigen europäischen Staaten als Zweigehängen, und welcher diesen ihren Lebenssaft zuführt. Darum sind die hemmendenBande zu sprengen, welche das italienische Volk in seiner Entwickelung zur Einheitund dann weiter zum Primat stören!" Das ist die Rede, welche wir gegenwärtigvielfach vernehmen.*) Diese neuerweckte Idee eines italienischen Primats, aufweiche
*) Vincenzo Gioberti hat in einem besondern Werke die Idee eines italienischen Primatsweitläufig entwickelt („Del Uriinsto morslo o civile clegli Itslisvi") und dadurch nicht wenigzur Aufregung seiner Landsleute beigetragen. Ganz sich verlierend in die Betrachtung derwelthistorischen Größe des alten Roms, der Oberherrlichkeit Roms über die Christenheit imMittelalter und der damit zusammenhängenden Bedeutung Italiens, und sich Dessen erin-nernd, was Italien in Staat und Kirche, Kunst und Wissenschaft geleistet, hält er es für daserste Land der Welt und meint darum auch, es sei in Zukunft zu deren Leitung berufen.Italien soll sich, das wünscht er, wieder erheben, was aber ohne politische Einheit nicht mög-lich ist; diese Einheit aber kann und soll durch einen Bund,,, an dessen Spitze der Papst alsgeistlicher und weltlicher Fürst stehen soll, erreicht werden. Ähnlich wie im Mittelalter würdedann Rom wieder zu einer Suprematie gelangen, nur mit dem Unterschiede, daß damals derfromme Sinn der gesammten Christenheit die Unterlage bildete, jetzt aber diese Unterlage mehrin der politischen Stärke Italiens gesucht werden müßte. Das Papstthum wie überhaupt derKatholicismus soll hier das Werkzeug der weltlichen Größe Italiens werden und sich den na-