Band 
Erster Band.
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Die geographisch-politische Weltlage Italiens.

in der geographischen Natur des italienischen Landes an. Abgesehen von den physi-schen Gegensätzen, denen wir vom Norden aus zum Süden begegnen und welche sichim Volkscharakter widerspiegeln, neigt sich und blickt zugleich die eine Seite Italiensnach Osten, die andere nach Westen. Aber der Blick ist bis jetzt beschrankt, mager nach Osten oder nach Westen gekehrt sein: er geht nicht über das Mittelmeerund dessen Gestadeländer hinaus. Auch die andern romanischen Länder blicken miteinem Janusgesicht in die Welt. Ehe die neue Welt entdeckt und die universellenVerbindungsstraßen gebahnt, war das nach Westen gekehrte Janusgesicht dieser Län-der ebensalls noch mit einem Schleier umhüllt und daher der Blick getrübt und nichtfcrnreichend. Frankreich und Spanien blickten deshalb nicht sowol vorwärts in denatlantischen Ocean, als vielmehr rückwärts in das Mittelmeer. Aber der Schleierist längst gelüstet, die wunderbare Ferne ist ausgeschlossen, die transoceanische Weltist entdeckt, und das Jenseit des Raumes wird von Tag zu Tag durch beschleunig-ten Verkehr immermehr zu einem Diesseit gemacht. Über den Europa im Westenbespülenden Atlantischen Ocean, über das jetzt ewig centrale Weltverbindungsmeer hatsich der Blick bis an die fernsten, früher unbekannten Gestade ausgebreitet, und dieseäußere Ausweitung des Blickes der Völker nicht blos des atlantisch-romanischen,sondern auch des germanischen Europa hat, insbesondere bei dem letztem, zugleicheine Ausweitung des Geistes zur Folge gehabt.

Welches Schicksal aber ist unterdessen Italien zugefallen? Italien, dieses clas-sische Land, einst der Träger der Weftreligion und der Weltbildung, hatte, uneinge-denk seiner Janusnatur, seinen Blick weder nach der einen, noch nach der andernSeite hin ausgeweitet, und mußte damit auch aufhören, als ein bestimmendes Gliedder europäischen Geschichte zu gelten. Seine von der Natur mit aller Lebendigkeitdes Geistes, mit Unternehmungsgeist und zum Theil mit außerordentlicher Kühnheitausgestatteten Menschen sind in dieser Beschränkung zugleich geistig verarmt und ver-kümmert. Weder das Zurückschauen aus seine vormalige Größe und Bedeutung, nochdie politische Einigung der einzelnen italienischen Länder werden im Stande sein, eineneue Weltstellung Italiens zu begründen. Vielmehr wird seine Erhebung und Ver-jüngung davon abhängen, daß es seine schon längst veränderte Stellung begreift,seine mediterrane Abgeschlossenheit ausgibt und seinen Blick den europäischen Völkernzuwendet, die den modernen Weltverkehr und die moderne Cultur vermitteln. Abernicht die iberische Halbinsel, nicht Frankreich, die mit der oceanischen auch zugleichdie mediterrane Seite vereinigen, sind die Länder, auf die Italien hingewiesen ist;sondern Centraleuropa, oder mit einem andern Worte das überhaupt den Mittler-beruf führende Deutschland, mit dem es schon geographisch zusammenhängt, ist esauch, dem es sich zuwenden muß, weil Deutschland ebenfalls die Verbindung mitItalien sucht und bedarf. Deutschland nämlich, das Centralland Europas, mit sei-nem verdoppelten Janusgesicht, d. h. mit seinem vielfältigen Blicke, nach Westenüber den Atlantischen Ocean, nach Osten zum Pontus, nach Norden über dasDeutsche und Baltische, nach Süden über das Mittelländische Meer, bedarf Ita-lien, weil es das Glied für die Verbindung mit der mediterranen Seite dreierWelttheile ist. Nie aber ist für Italien die Gelegenheit, sich durch eine innigeVerbindung mit Centraleuropa eine neue Weltstellung zu erobern, günstiger ge-wesen, als eben in der Gegenwart. Der Blick der europäischen Völker, welcherbis jetzt beinahe ganz nach Westen gekehrt war, fängt bereits an, sich abermals nachOsten zu wenden. Durch die den Verkehr wieder mehr an das Festland weisendenErfindungen der neuesten Zeit steht eine zweite große Umwälzung des Verkehrs be-vor, welche die Vcrkehrsstraßen auch mit Süd- und Ostasien zum großen Theil überdas Mittelmeer leiten und demselben eine neue, erhöhte Bedeutung geben wird.

Die geographische Natur Italiens kann insofern mit der geographischen Be-schaffenheit der griechisch-slawischen Halbinsel verglichen werden, als beide Länder inein continentales und in ein Peninsulargebiet zu theilen sind, von welchen Gebietendas erstere von einem Flusse durchströmt wird und, nördlich, westlich und südlich