Band 
Erster Band.
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Die geographisch-politische Weltlage Italiens.

indem sich die Handelsstraße nicht blos mit Nordafrika und Vorder-, sondern auchmit Südasicn wieder über das Mittclmeer ziehen muß. Doch hängt, wie bemerkt,diese Theilnahme am Weltverkehr durchaus von der Verbindung mit Deutschlandab; denn von den oceanischen Ländern haben Frankreich und Spanien ihre medi-terrane Seite in sich selber, Deutschland aber findet sie in Italien. Beider Ver-bindung soll Süd und Nord, mediterrane und oceanische Interessen vereinigen.

Der geographische Charakter des kontinentalen und des pcninsularen Italien im Allgemeinen.

Ein weiteres Eingehen aus die geographische Natur des Landes wird uns auchdiese Andeutungen noch klarer machen. Zuerst möge uns das für Deutschland vor-zugsweise wichtige continentale Italien in seiner charakteristischen Besonderheit entge-gentreten.*) Wir rechnen zu demselben die südlich und östlich von den Alpen undnördlich vom Apennin bclegencn Landschaften oder das Tiefland des Po und dessenobere Thäler, welche von Gebirgen umschlossene Ebenen bilden. Nur in den Grenz-landschaften gegen Frankreich, die Schweiz und Deutschland herrscht reiner Gebirgs-charakter vor. Wenn hier das Land zum beiweitem größcrn Theil den Charakterder Ebene in sich trägt, so ist dagegen das peninsulare Italien, südwestlich und öst-lich des sich weiter südwärts fortziehenden Apennin, überwiegend Gebirgsland undebendeshalb mehr in sich zerrissen. Nur an den Küsten finden sich kleinere Ebenen.Das continentale Italien ist ein Vorland der Alpen, von deren Hochgebirgskern esnördlich begrenzt wird. Die Scheidung zwischen dem Hoch- und Tieflande bilde!hier eine Reihe von Flußseen, welche sich am Fuße des Hochgebirgs herzieht. AmMontblanc, wo das Hochgebirge zugleich am höchsten und am schmalsten ist, findetes sein Centrum. Der von hier südwestwärts auslaufende Flügel, die Westalpen,ist weit kürzer und schmaler als der Ostflügcl, aus welchem sich daher eine größereMassenerhebung findet, statt dessen auf jenem Gipfelhöhe vorherrscht; doch übertrifftdie Gipfelhöhe der Mittelalpen, des westlichen Theiles des Ostflügels, sowol die derOstalpen, des östlichen Theiles dieses Flügels, als die der Westalpen. In den letz-tem nämlich steigt die Gipfelhöhe von Süden gegen Norden von 7000—13000Fuß; in den Mittelalpcn sinkt sie von Westen gegen Osten von 14800—8000 Fuß,in den Ostalpen in derselben Richtung von 11000 bis zu 8000 Fuß absoluter Höhe

*) Wir theilen Italien in ein kontinentales und in ein peninsularcs Gebiet. Ersteres wurecim Alterthum nicht einmal zu Italien gerechnet; es hieß CisalpinischcS Gallien. Letzteres, mitwestwärts gekehrtem Blicke, bestimmte die Bewegung und versetzte den weitem Gang derWeltgeschichte in das westliche Mittelmcer, über dessen Küstensaum es zunächst und am durch-greifendsten, zugleich seine Bildung den Völkern aufprägend, die Herrschaft verbreitete. Durchdie Völkerbcwcgung des Mittelalters bekam Europa eine neue Gestalt. Durch die Vermischungmit germanischen Volkselemcnten wurden in jenen europäischen Ländern, wohin sich vom pen-insularen Italien aus römischer Einfluß verbreitet hatte, Nationen erzeugt, welche mächtigerwurden als das Volk, von welchem sie vordem die Cultur empfangen hatten. Diese war überdas westliche Mittelmcer vermittelt worden, was aufhörte, seitdem jene Nationen selbständigdastanden und Theil nahmen am Weltverkehr. Zudem gerieth an diesem westlichen Beckennicht blos die afrikanische, sondern auch ein Theil der europäischen Seite unter die Hcmschaftdes Halbmonds, sodaß von selbst der italienische Einfluß dahin aufhörte. Freilich wurde aufder europäischen Seite zwar wieder der Halbmond verdrängt; doch blieb bei dem Kampfegegen denselben das westliche Becken mehr ein unsicheres Bermittelungselcment für den Ver-kehr als das östliche, an welchem der tief ins Festland bis nach Mitteleuropa einlaufende adri-atische Busen mit seinem schmalen Eingänge dem Verkehr an der Ostseite Italiens nicht blosSchutz gewährte, sondern auch als gerade Straße von Mitteleuropa nach Griechenland undder Levante die weiteste, hier mögliche Ausdehnung verschaffte. Statt des pcninsularen gewanndaher das continentale Italien die überwiegende Bedeutung, indem dieses sowol dem Adriati-schen Meere angehört, als Deutschland nahe ist. Als Centrum des Welthandels, was eswurde, hat es sich zwar unmöglich behaupten können, als das Mittelmcer aufhörte, das cen-trale Wcltverbindungsmeer zu sein; aber immer ist es wichtiger für den Verkehr gebliebenals das peninsulare. Diese Wichtigkeit wird in dem Grade zunehmen, als in Zukunft dieVerbindung mit Deutschland durch Schienenwege und Kunststraßen erleichtert, und dadurch derVerkehr mit dem Orient vermehrt und beschleunigt sein wird.