164 Die geographisch apolitische Weltlage Italiens.
haben die Jtaler zu Italienern gemacht und dadurch ihren Volkscharakter verändertindessen ist hier der fremde Einfluß weit weniger durchgreifend gewesen.
Die natürliche Verbindung des kontinentalen Italien mit den Festländern Eu-ropas ist weit schwieriger als z. B. die Ungarns mit Deutschland. Doch hat man,seit Cäsar das innere Europa gleichsam entdeckte, die Nothwendigkeit der Verbindungmit demselben gefühlt, und so sind, ungeachtet der natürlichen Hindernisse, von beidenSeiten her Communicationswege gebahnt worden. Auf der nicht italienischen Seitedes hohen Grenzwalls sind mehr Hochflächen, und diese sind zugleich von Verbergenumgeben, welche auf der italienischen fehlen. Der Abfall in die Tiefebene, welche dasLand bildet, ist schroff. Alle Verbindungsstraßen, besonders aber die mit Deutsch-land, haben deshalb miteinander gemein, daß sie vom Auslande weniger steil empor-steigen. Von der italienischen Seite kann darum den eindringenden Feinden nurmit überwiegenden Streitkräften entgegengetreten werden, und das continentale Ita-lien ist deshalb wenig selbständig, vielmehr meist abhängig von den Völkern gewesen,welche die Alpen beherrschen. Wol ist der Verkehr des obern Italien mit denangrenzenden Ländern durch die Umwallung von einem Hochgebirge erschwert; aberdie Natur dieses Hochgebirges macht eine Communication über dasselbe möglich.Das Alpengebirge ist nämlich ausgezeichnet durch eine Reihe von bedeutenden Thal-systemen, welche die natürlichen Communicationswege bilden.*) Diese sind zufolgedes schon angedeuteten Eebirgsbaus auf der Nordseite, wo sich der Centralkette vongranitischem Gestein parallele Ketten von Kalkstein vorgelagert haben, am ausge-Lildetsten und zugänglichsten. In ausgedehnte Längen- und Querthäler laufen vieleNeben- und Seitenthäler ein. Zwar ist die Kammhöhe, wie wir oben gesehen, imGanzen bedeutend, aber diese Kämme der Ketten sind nicht zusammenhängend, son-dern werden von zahlreichen Querthälern durchbrochen; tiefe Einschnitte oder weiteEinsattelungen, unter die Waldregion hinabsinkend, nehmen ebenso viel Areal ein, alsdie einzelnen, mit scharfen Felskämmen gekrönten Bergriesen, ja zuweilen vermißtman diese auf geraume Erstreckung ganz. Diese Einsenkungen bilden die Alpenpässe.Auf der Süd- oder italienischen Seite fehlen die Längenthäler; bei dem Mangelparalleler Vorgruppen stürzen die Alpengewässer in steilen Querthälern zur Ebenehinab, wodurch der Zusammenhang und die Zugänglichkeit der Thäler sehr beschränk!wird. Ihrer Lage nach sind sie zum Theil dem Gebirge entfremdet und mit ihremVerkehr auf die Ebene gewiesen. Die Hauptthäler finden sich daher auf der Nord-seite, in welchen sich, mögen sie Längen- oder Querthäler sein, die Wege von allenSeiten vereinigen. Ohne erhebliche Hindernisse ziehen sich in denselben die Straßen-züge auf der ebenen Sohle bis zur Mündung der Nebenthäler fort, namentlich des-jenigen, welches sowol durch die eigene Beschaffenheit als die seiner Hochthäler amgeeignetsten für die Überschreitung des Hauptkamms ist. Die Nebenthäler sind mit-hin die vermittelnden Glieder' für die Verbindung entgegengesetzter Thalsysteme; dieSchwierigkeiten der Passage beginnen erst hier. Durch eine solche Thalbildung sinddie Alpen das regsamste Hochgebirge auf der Erde geworden. An Pfaden für Fuß-gänger und Saumthiere fehlt es nirgend und in keiner Richtung, und die Zahl dergebahnten Fahrstraßen ist in Betracht der Schwierigkeiten, mit denen die Anlage zukämpfen hatte, ungemein groß. Straßen finden sich besonders in den östlichen Mit-telalpcn und in deren Verzweigungen sowol nach Norden als Osten, sodaß durchdieselben vorzüglich eine Verbindung Italiens mit Deutschland bewirkt wird.
Zur Verdeutlichung ist die Angabe der wichtigsten Verbindungsstraßen nebstderen Höhen nothwendig. Vorausgeschickt muß die Bemerkung werden, daß weilin den westlichen Alpen die Form der Längenthäler am wenigsten ausgebildet ist undsich nur kürzere, hintereinanderliegende, durch Querthäler verbinden, die Passage
*) Näheres über diese Lhalbildungen findet sich in dem tüchtigen Werke von Roon: ^Grund-züge der Erd-, Völker- und Staatenkunde" (3 Abtheil., Berl. 1837—45).