Band 
Erster Band.
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168 Die geographisch-politische Weltlage Italiens.

der Po, sogar leichter eine Verbindung mit Deutschland dar, als mit Rom, dennmS Adriatische Meer fließend, kommt ihm schon jetzt von dort eine Eisenbahn entgegen,welche durch eine kurze Überfahrt erreicht ist. So kann bereits gegenwärtig dasganze Gebiet des Po, mit allen Kanälen und schiffbaren Nebenflüssen, in leichte undschnelle Verbindung mit Deutschland und dessen innern: Leben treten, welche durchdie lombardische Bahn nur noch erleichtert werden wird. Wie der Po eine vonFrankreich abwärts gewandte Richtung nimmt, so hat auch das von demselben weitschroffer als von Deutschland getrennte kontinentale Italien einen davon Hinweggewand»ten Blick. Wir nehmen daraus ab, daß von Oberitalien aus sich nie solche innigeBeziehungen zum französischen Leben bilden können, als welche sich naturgemäß zumdeutschen entwickeln müssen. Steil fällt die Alpenfeste zwar an der Südseite in dielombardische Tiefebene hinab, welche sich vom Adriatischen Meere an nur wenigeHundert Fuß erhebt: aber dessenungeachtet ist Deutschland und Italien keineswegsbestimmt voneinander geschieden. In den verschiedenen Flußthälern dringt oft deut-sches Wesen weiter südlich und umgekehrt italienisches weiter nördlich vor, als dieeigentliche Grenze ist. Es findet also hier innerhalb der Alpenthäler gewissermaßenschon eine Verschmelzung der deutschen und italienischen Individualität statt. Deut-sches Wesen ist hier überdies über alle schwierigen Pässe der Alpen gedrungen undhat sich schon lange an deren südlicher Abdachung festgesetzt. Man darf übrigenshier nicht unbemerkt lassen, daß in diesen deutsch-italienischen Confinien sich Östreich<ben nicht als besonders das deutsche Wesen schützend bewiesen hat. Aus admini-strativer Bequemlichkeit hat dasselbe manche deutsche Dörfer in Tirol italienischenGerichten zugewiesen, sodaß jetzt bereits mehre ursprünglich deutsche Örter verwälschtsind. In äußere Beziehung zu italienischem Wesen gesetzt, werden Schule und Got-tesdienst in kurzem auch italienisch gehalten. Bald dahin ist dann das deutscheLeben, und den Kindern bleibt nur noch die Kunde über, daß die Väter einstdeutsch sprachen!

Durch seine Lage auf eine innige Beziehung zu Centraleuropa, zu Deutschland,angewiesen, geht Oberitalien gewiß einer bedeutenden Zukunft entgegen. Schon istjetzt nach Öberitalien das Centrum der ganzen Halbinsel verlegt, eben weil es mitCentraleuropa in näherer Beziehung steht, während Mittel- und Unteritalien sowiedie Inseln für die Verbindung mit demselben fast verloren im Mittelmeer daliegen.Was würde aber Oberitalien bereits schon für Centraleuropa geworden sein, wennin dessen Mitte einer seiner Flüsse entspränge, der die Alpen durchbräche und eineWasserstraße zum Adriatischen Meere bildete! Oberitalien hätte dann ein Hinterlandgewonnen, welches ihm jetzt fehlt, und wäre in noch höhcrm Grade zur Vermitte-lung des mitteleuropäischen Verkehrs nach dem Orient berufen. Zugleich würde esbei seiner natürlichen, nicht zu hemmenden Beziehung zu seinem Hinterlande vondiesem in ununterbrochene Rührigkeit versetzt worden sein, welche sich dann auch demübrigen Italien hätte mittheilen müssen. Wir dürfen sagen, es gäbe dann kein ultra-montanes Italien und was damit zusammenhängt. Die geographische Position desLandes wäre dann eine solche gewesen, daß es sich (wie unter den romanischen Län-dern noch mehr von Spanien und Portugal geschehen ist) gar nicht hätte isolirenund außer Beziehung zur weltgeschichtlichen Bewegung der neuen Zeit setzen können.Der einzige, etwas erhebliche Fluß, welcher aus Deutschland seinen Lauf nach Ita-lien nimmt, die Etsch, ist nicht im Stande, eine Verbindung mit demselben zu bewir-ken- nördlich des Örteles, 5000 Fuß hoch entspringend, hat sie in ihrem kurzen Lausezu viel Fall; erst auf italienischem Boden, wo sie die Ebene erreicht, wird sie schiff-bar. Aber wo die Natur trennt, da verbindet der Geist, welcher mächtiger ist alssie; er ebnet nicht blos die unsicher» Wogen des Meeres und setzt sich über dasselbehinaus, sondern er zersprengt auch das starre Gestein und bahnt sich so selbst durchGebirge den Weg. Wir haben gesehen, wie solche Wege schon zwischen Deutsch-land und Italien gebahnt sind, und wie die besondere Bildung des Gebirges hierzu Hülse kommt. Wenn jedoch auch beide Länder keine Flußader verbindet, so wer-