Die geographisch politische Weltlage Italiens. 177
gerufen worden, was in geistiger Beziehung nicht ohne Einwirkung geblieben ist»Wol überwiegen in Italien überhaupt die Städte, und das stäche Land tritt gegendiese durchaus an Bedeutung zurück, indessen hat in Toscana das Land auf die StädteEinfluß geübt, sodaß diese nicht in dem Maße den abstracten, verweltlichen Charaktertragen als sonst auf der ganzen Halbinsel. Florenz, die Hauptstadt Toscanas, istnoch immer der Mittelpunkt der italienischen Bildung und gleich weit entfernt vonder wilden Kraft Genuas wie von dem blos weltlichen Verstände Venedigs. Lucca,das, am Tyrrhenischen Meere gelegen, zwar gebirgig, aber gut angebaut ist, undvormals einen Theil des alten Tuscien bildete, hat durch seine Vereinigung mitToscana letzten» mehr seine natürlichen Grenzen und einen bessern geographischen Ab-schluß gegeben. Ob in Folge der gegenwärtigen Bewegung diese Abrundung auch nachanderer Seite hin vor sich gehen, ob Toscana überhaupt der geistige Kern einer großempolitischen Herrschaft werden wird, läßt sich jetzt nicht mit einiger Sicherheit andeuten.
Ganz verschieden von dem Zustande Toscanas ist der Zustand des Kirchenstaats.Die geographische Physiognomie beider Länder sieht sich zwar ähnlich, nur daß imKirchenstaate die Ebene schon mehr hervortritt; allein sonst sind diese Länder keineswegsmiteinander zu vergleichen. In Toscana herrschte stets Regung und Leben; im Kir-chenstaate sind bisher alle Verhältnisse einem stagnirenden Sumpfe zu vergleichengewesen. Nur in den nördlichen Landschaften, die sich sowol durch ihre besonderegeographische Natur und Lage als durch die charakteristische Individualität der Be-wohner sehr von der eigentlich römischen Landschaft unterscheiden, ist durch den Ver-kehr zu Lande mit der Lombardei und Toscana und zur See mit Venedig und dergriechischen Halbinsel mehr Leben erhalten worden. Bologna befindet sich schon jetztauf einer Haupthandelsstraße Italiens; indessen soll nicht blos Oberitalien, sondernauch Mittel - und Unteritalien von einer Eisenstraße durchzogen werden, die von hier-aus nordwärts die gedoppelte Richtung nach Mailand und Venedig würde nehmenmüssen. Wenn dieser nördliche Theil des Kirchenstaats eine Richtung nach demAdriatischen Meere und demzufolge nicht nur nach dem kontinentalen Italien, son-dern auch nach Deutschland und der griechischen Halbinsel hat, so neigt sich dersüdliche der romanischen Welt und Nordafrika zu. Der Kirchenstaat, als das Mittel-land, theilt so beide Richtungen, welche sich überhaupt in Italien vorfinden. DasDoppelgesicht des Janus schaut uns entgegen. Pulsirte in diesem Mittellande nocheine positive Lebenskraft, so würde auch nach beiden Seiten hin noch eine Herrschaftgeübt werden können; aber diese Kraft fehlt, und so wird die Zukunft dieses Mittel-landes davon abhängen, von woher, ob von der romanischen oder germanischen Welt,auf dasselbe der meiste Einfluß geübt wird. Im Mittelalter nahm die Bildung einender Völkerwanderung entgegengesetzten, jetzt aber in Beziehung auf Süd- und West-europa einen ihr entsprechenden Gang: vom europäischen Centrallande, wo sie zurEntwickelung gekommen ist, zieht sie den meist von da nach West- und Südwestgewanderten Völkern nach. Dieser Beobachtung zufolge müßte sich die germanischeBildung also die Thore Roms öffnen, wie solches bereits im Mittelalter durch dieäußere Gewalt der Germanen geschehen ist. In der Mitte Italiens gelegen, solltedie römische Landschaft die belebteste sein, statt dessen ist sie aber die ödeste. DerAckerbau tritt hier zurück und die ländliche Bevölkerung ist so gut als verschwunden.Die niedern Gegenden bilden Maremmen mit pestilenzialischen Ausdünstungen, dieobern zum Theil öde baumlose Steppen. Der Mensch ist hier so schwach geworden,daß er die vulkanische und durch Niederungen ungesunde Natur des Landes nichtzu überwältigen vermochte. Die abstrakte, mechanische Form, welche von Rom aus-ging, hat, wie überall, so auch hier nur den Tod geboren, den auch die politischenReformen des gutmüthigen Pius IX. nicht werden verscheuchen können.
Die Natur des italischen Landes begünstigt nicht eigentlich eine mechanischeSlaatsbildung, wie solches in den weiten Flächen des nordöstlichen Europa der Fallist; soll sie aber vollbracht werden, so ist die römische Landschaft noch dazu am geeig-Die Gegenwart. I. 12