Band 
Erster Band.
Seite
179
JPEG-Download
 

Die geographisch-politische Weltlage Italiens. 179

müssen, wenn beide Länder sich erst wieder zu einer ihrer geographischen Lage undihrer physischen Natur entsprechenden geschichtlichen Bedeutung werden entwickelt haben,was aber freilich ohne die Beziehung zu Deutschland nicht möglich ist!

Was wir im Allgemeinen über die Zerrissenheit des Terrains im peninsularenItalien hervorhoben, gilt ganz vorzüglich von Unteritalien. In Mittelitalien war im ^Tiberthale eine mechanische Staatsbildung, wenn auch nicht naturgemäß, so dochmöglich. Die Durchführung abstracter politischer Formen wird hier in Untcritalicnnie gelingen; denn überall ist das Land in eine Menge kleiner, oft schroff geschiede-ner Bezirke getheilt. Das jetzige Königreich Neapel nämlich, welches ganz Unter-italien umfaßt, ist durch die verschiedenen Zweige und Abzweigungen der vom Hoch-lande der Abruzzen sich südlich weiter fortsetzenden Hauptkette des Apennin, durchdessen Ncbenrcihen und ihr Gewirr von Erhebungen und Senkungen, aus welchemdie Flüsse in kurzem Laufe dem Meere zueilen, in der Weise innerlich zerrissen, daßes, seiner natürlichen Entwickelung überlassen, in eine Reihe sehr kleiner Landschaftenunfehlbar zerfallen würde. Eine solche Abtheilung finden wir im Alterthum, eheRoms mechanische Energie diese Landschaften überwältigte; sie wiederholte sich imAnfange des Mittelalters, als sich das politische Leben noch nicht ausschließlich ingrößer» Staaten concentrirt hatte, sondern auch noch kleinere Gemeinwesen daranihren entsprechenden Antheil nehmen konnten. Das ganze südliche Italien war da-mals in griechische, longobardische und päpstliche Territorien zersplittert. Dabeidrängten die Sarazenen von außen her und setzten sich an verschiedenen Punktenfest. Im ganzen Lande betrug sich bei dieser Zerrissenheit beinahe jede Stadt, jedeBurg, jedes Kloster unabhängig. Als sich jedoch bei der fernern geschichtlichen Ent-wickelung in den übrigen Ländern Europas allmälig mehre vorher für sich als poli-tisch selbständig bestehende Landschaften zu einem Staate herausbildeten und die klei-nern Gemeinwesen nach und nach ihre politische Selbständigkeit verloren, verschwandenauch nacheinander die verschiedenen Republiken, Gebiete und Fürstcnthümer Unter-italiens, welche den äußern Feinden nicht widerstehen konnten. Es bildete sich hierdurch die Waffengewalt der eingewanderten Normannen im Kampfe Wider die Sa-razenen und mit Verdrängung der Griechen aus kleinem Anfange zuerst unter Be-lehnung des Papstes das Herzogthum Apulien und, bei weiterer Unterwerfung desLandes, das Königreich Neapel, zu welchem dann auch Sicilien erworben wurde,das jedoch nicht immer mit demselben verbunden geblieben ist.

Obwol in solcher Weise die Landschaften Italiens im 1k. Jahrhundert zu einemReiche vereinigt wurden, so ist doch bis auf den heutigen Tag noch keineswegs darausein harmonisches Ganzes erwachsen. Das Volk trägt noch immer zu sehr das Ge-fühl der Besonderung in kleinere Gemeinwesen, welches unter diesem Himmel undzwischen diesen Gebirgen das Natürliche ist. Eine Identität der Interessen der Re-gierung und der Unterthanen, sagt Leo, hat fast nie stattgefunden, sondern nur inmannichfaltigem Wechsel rebellische Unzufriedenheit oder indolente Gleichgültigkeit inBeziehung auf öffentliche Verhältnisse. Dabei hat die Zersplitterung des Landes dieVerschmelzung der verschiedenen Bestandtheile der Bevölkerung verhindert. Urein-wohner, Griechen und Römer, Langobarden und Normannen, Araber und Albaner,Spanier und Franzosen sind hier nicht in der Weise zusammengewachsen, daß nichtnoch ihre verschiedenartigen Theile hier und da ganz unvermischt zu erkennen wären.Bei den unzugänglichen Bergen, Wäldern und Sümpfen des Landes, das durch-rissen ist von Waldströmen und Klüften, ohne innere Communicationswege, erschei-nen daher die verschiedenen Völkerreste nur locker miteinander verbunden und leben,nicht selten im Kriege miteinander, ziemlich unabhängig in ihrer Jertrennung fort,ohne daß eine Centralregierung des Landes durchgreifend auf sie hätte einwirkenkönnen. So ist Unteritalien namentlich, in das sich einst griechische Bildung von derKüste aus verbreitet hatte, wo ein neues Griechenland entstanden war, jetzt einerunerhörten Uncultur anheimgefallen. Aber wie in Griechenland, das den Orient

12 *