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Die geographisch-politische Weltlage Italiens.
Corsica, die höchste der italischen Inseln, ist mit Ausnahme kleiner schmalerEbenen an der Ostküste, ganz und gar ein rauhes, wildes, dicht bewaldetes Gebirgs-land. Das Gebirge besteht aus vielen parallelen Ketten, welche durch enge, steileingeschnittene Felsthäler, in denen wilde Torrenten rauschen, voneinander getrenntsind. Die Cultur ist auf diese Felsthäler und auf die schmalen Ebenen beschränkt,wogegen sich in den Hähern Berggegenden meist undurchdringliche Forsten finden.Die Insel hat einige mittelmäßige Häfen. An sich schon ohne besondere historischeWichtigkeit, hat sie vollends für Italien ihre Bedeutung verloren, seitdem sie Frank-reich unterworfen wurde.
Fassen wir nun nochmals das Resultat der Erörterung zusammen, so ist dasselbekurz folgendes. Italien kann nur diese Stellung in dem geschichtlichen Leben der Ge-genwart einnehmen, die ihm von Natur und durch den weltgeschichtlichen Verlauf an-gewiesen ist. Unter den drei sich ins Mittelmeer erstreckenden europäischen Halbinseln istItalien diejenige, die ihren Blick nach dem europäischen Centrum, dem Mittelpunktedes modernen Culturlebens, und zugleich über das Mittelmeer nach dem Orient richtet.Vermöge dieser glücklichen Lage, dieses gleichsam gedoppelten Gesichts, war es so lange,als sich die Weltgeschichte an das Mittelmeer, an die Thalaffa, vorzüglich band, derTräger und Vermittler aller großen Interessen des Weltlebens. Mit der Entfaltungdes germanischen Geisteslebens, der Consolidirung der großen Völkerstaaten Central-europas und der Erschließung des Oceans durch diese Völker verlor Italien seineStellung als Vermittler des Weltverkehrs und zugleich sein geistiges Primat. Stattals organisches Glied in die neue geschichtliche Bewegung einzutreten, verfiel es inVereinzelung, die allmälig geistige Versunkenheit sowie politische Ohnmacht und Ab-hängigkeit zur Folge hatte. Wol liegt der gegenwärtigen Erhebung der italienischenVölker der Gedanke einer neuen Lebenskräftigung und der Erringung einer neuengeschichtlichen Stellung zum Grunde; aber dieser Gedanke äußerte sich bisher dunkelund einseitig. Italien schaut nicht vorwärts, sondern es ruft die großen Erinnerun-gen seiner frühern Geschichte an und will kraft dieser Vergangenheit ein neues Pri-mat unter den Völkern der modernen Geschichte geltend machen. Ein Primat aberunter den Völkern, welche die Träger des modernen Culturlebens sind, ist unmög-lich; am wenigsten dürfte jedoch Italien seiner natürlichen wie seiner moralischenLage nach berufen sein, ein solches Primat in Anspruch zu nehmen. Außerdemirrt sich Italien auch in den Mitteln, durch welche es überhaupt zu einer neuengeschichtlichen Bedeutung gelangen will. Mit einer feindseligen Trennung von Deutsch-land glaubt es Alles zu gewinnen, was ihm an nationaler Einheit, politischer Selb-ständigkeit und concreter Entwickelung bisher abgegangen ist. Nationale Einheit undpolitische Selbständigkeit sind indessen Güter, welche alle großen europäischen Völkererst durch die härteste geschichtliche Arbeit erworben haben, und die Italien um soschwerer erringen wird, als die geographische Natur des Landes sowie die Verschie-denartigkeit seiner Volkselemente dieser Einheit schroff entgegentreten. Was aber dirEntwickelung der innern Kräfte und die Betheiligung an dem modernen Culturlebender Völker betrifft, so ist Italien gerade auf die innigste Verbindung mit dem euro-päischen Centrallande, auf die Verbindung mit Deutschland, angewiesen. Nicht nur,daß ihm aus diesem Herzen des europäischen Lebens die befruchtenden Elemente ger-manischer Bildung zuströmen werden, sondern das mediterrane Italien kann sich auchnur durch diese, von seiner geographischen Position bedingte Verbindung die Be-theiligung an den oceanischen Interessen, an dem Weltverkehr der europäischen Völ-ker verschaffen. Erst dann, wenn Italien durch diese Verbindung ein lebendiges, or-ganisches Glied des europäischen Weltlebens geworden, wird es in seiner eigen-thümlichen Sphäre einen selbständigen Wirkungskreis und neue geschichtliche Be-deutung erlangen. Es wird ihm dann der Beruf zufallen, wenigstens zum großenTheil die Cultur und die Interessen des Abendlandes über das Mittelmc.'r hinausmit den Ländern und Völkern des Ostens zu vermitteln.