194 Barern und sein König Ludwig I.
den in grellem Widersprüche mit der widerlichen Knickerei bei allen Gegenständen,die sich auf das Gemeinwohl, auf die Civil- und Militairbeamten, die sich mit einemWorte auf das wirkliche Leben bezogen. Viele Stellen wurden bald gar nicht be-setzt, bald blieben sie lange unbesetzt oder wurden einem Andern ohne alle Entschä-
digung aufgebürdet. Die hierdurch bezweckten Ersparnisse sind, wie so viele andereSummen, spurlos verschwunden, oder gingen zur Beförderung unhaltbarer dynasti-scher Interessen nach Griechenland.
Die Noth der niedern Gewerbe, die zum Theil in der Zeit liegt und in Alt- 'baiern zum Theil auch durch den Zollverein hervorgerufen wurde, nahm und nimmtim Lande zu in Schrecken erregendem Grade. Die industrielosen an viele Feiertageund Wohlleben gewöhnten Baiern können mit den vorgeschrittenen Bewohnern an-derer Gaue nicht wetteifern. Überdies haben die letzten theuern Jahre die wenigen
Sparpfennige der niedern Classe aus den frühern bessern Zeiten vollkommen ausge-
zehrt. Alle diese und viele andere Dinge, namentlich auch das barsche, bissige undgröbliche Benehmen des Fürsten, hatten, wie gesagt, in den verschiedensten Schichtender Bevölkerung, besonders in der Hauptstadt, wo man so viel Ärgerliches mit ei-genen Augen sah und sehen mußte, eine tiefe und gefährliche Misstimmung hervorge-rufen. Mit der Idee gewaltsamer Demonstrationen und tumultuarischem Straßenlärmwar man aber schon seit mehren Jahren vertraut worden. Man darf die wiederholtenBierkrawalle, und was man dadurch der Regierung und den Brauern abtrotzte, nichtvergessen. Dies Alles leistete den schnell aufeinanderfolgenden Februar- und März-ereignissen großen Vorschub. Das Volk hatte schon eine Ahnung seiner Macht be-kommen und ging, von den Erfolgen ermuthigt, auf der betretenen Bahn mit grö-ßerm Selbstvertrauen vorwärts. Die Bürger, welche dem Gemeindeedict gemäß,sich nur dann versammeln dürfen, wenn sie hierzu von Bürgermeister und Magistrat,eine AuFoderung erhalten haben, traten jetzt, am 10. Febr., aus dem Rathhausezusammen. Der Nachbar sagte es dem Nachbar, und bald hatten sich einige Tau-send Bürger und Hintersassen eingesunken. Man beschloß in Masse zur Residenzzu ziehen, um die Zurücknahme des Befehls zur Schließung der Universität zu be-wirken. Der König, welcher anfangs der magistratischen Deputation erklärte, lieberwürde er das Leben lassen, als eine von ihm ausgegangene Anordnung zurückneh-,men, ließ bereits des Abends durch den Minister Werks der Versammlung auf dem 'Nathhause erklären: die Universität werde nach Ostern wieder eröffnet werden. DieStudenten, durch dies Auftreten der Bürger noch mehr ermuthigt, hatten bereitsvon ihrer Seite einstimmig erklärt, sie würden München in keinem Falle freiwilligverlassen, nur mit Waffengewalt könnte man sie wegbringen. Aus den bewegte»Tag folgte eine unruhige stürmische Nacht. Es wurden, zum Theil wol absichtlich,allerlei schreckhafte, aufregende Gerüchte verbreitet. Die Gendarmerie, durch man-nichfache Übergriffe mit den Einwohnern verfeindet und wegen ihrer der Spanierinbewiesenen eifrigen Dienstfertigkeit verachtet, war vorzüglich der Gegenstand des allge-meinen Hasses. Von ihr glaubte man gern Alles, selbst das Unglaubliche. Ma»erzählte sich, der Hauptmann Bauer hätte in der Weise auf die Studenten einhaue»lassen, daß einer in Folge der Wunden bereits gestorben. Man fügte hinzu, die Gar-,nison, welche allen Bewegungen ruhig zugesehen und keinem Bürger ein Leid zuge-fügt hatte, würde verlegt, das leichte Reiterregiment von Augsburg nach Münchenübersiedelt, und dann die sämmtliche Landwehr entwaffnet werden.
Durch diese und andere nur zum Theil begründete, zum Theil ganz erfundeneSagen wurden Bürger und Studenten in beständiger Aufregung erhalten. Schonfrüh am Morgen des 11. Febr. versammelte man sich von neuem auf dem Rath-hause, und es ward ein neuer Bürgerzug zur Residenz beschlossen. Die Universität,hieß es, müsse alsbald wieder eröffnet und die Gräfin von Landsfeld als die Quellealler Zwietracht, alles Unheils, von München abgeleitet und aus ganz Baiern ent-fernt werden. Schon jetzt fielen, bereits vierzehn Tage vor dem Sturze der Or-leans, harte drohende Worte in dem Nathhaussaale, namentlich von Seiten der klei-