Baiern und sei« König Ludwig l. 195
nern Bürger, der Krämer und Käshändler. So dürfe es, sagte man, nicht mehrfortgehen; der König verschwende den Schweiß des armen Landes an Maitressen undihren Anhang; der Schmuck der Lola, mit dem sie neulich im Theater erschienen,sei von Kennern auf 60000 Gulden geschätzt worden; ihr Haus in der Barrerstraßesei wie eine Feienwohnung eingerichtet; nach ihren Wünschen müssen Minister, Staats-räthe und das ganze Land sich fügen; Gendarmerie und Militair scheinen blos des-halb da zu sein, um die Tänzerin zu beschützen; ihretwegen seien die besten katholischenProfessoren von der Universität entfernt worden; fürs Volk geschehe gar nichts. „ Waskümmert sich", fügte man hinzu, „der König darum, wenn wir Hunger leiden. Sodarfls nicht länger fortgehen, wir dulden's nicht. Gibt der König nicht in Gütenach, so gebrauche man Gewalt; Max II. wird gern gewähren, was Ludwig l.verweigert, und am Ende schreiben wir es ihm auch vor, was wir haben wollen."Der König, von dieser Stimmung unterrichtet, gerieth in unaussprechliche Angst.Es ist in Baiern allgemein bekannt, daß so barsch und willkürlich der Fürst gegendie Gehorchenden verfährt, es ihm doch an moralischem Muthe gebricht, sobald erauf entschiedenen Widerstand und einen tüchtigen Charakter stößt. „Wenn er sichnicht etwas fürchtet", pflegte einer seiner Vertrauten zu sagen, „so ist mit demManne nicht auszukommen." Auch hier hatte die Furcht durchgedrungen; schnellwurde Alles zugestanden. Die Universität sollte mit dem Beginne der nächsten Wochewieder eröffnet, die Allemannia aufgelöst und Lola aus Baiern verbannt werden.Und so ist es in der That geschehen. Die Gräfin hat zwar, bevor sie Baiern ganzverließ, noch allerlei wunderliche Abenteuer aufgeführt; sie ist mehrmals in mannich-fachen Verkleidungen nach München gekommen und wurde vom König, der mit un-wandelbarer Liebe an ihr hängt, besucht. Die Parteien, zumal die ultramvntane,beuteten diese Austritte zu ihren Endzwecken in der Art aus, daß die Hauptstadtund das benachbarte Land in immerwährender Unruhe und Aufregung erhaltenwurde. Deshalb fanden auch die Vorgänge zu Paris in der bairischen Hauptstadt,wie vielleicht nirgendwo im mittlern Deutschland, einen empfänglichen Kündbaren Bo-den; deshalb ist auch dort der Sturm eher losgebrochen als in irgend einem Theileunsers Vaterlandes. König Ludwig, dies ist die Überzeugung aller Denkenden, hatdurch seine Regierung und sein Maitressenwesen der Revolution in Deutschland mehrVorschub geleistet als alle radicalen Flugschriften, als Hecker und Struve und dieganze republikanische Genossenschaft.
Die Bürger hatten häufig Zusammenkünfte, wo manche Misstände zur Sprachekamen, unter welchen schon seit Jahren die Bevölkerung schmachtete. Die Klagenüber die Polizeiwillkür und über die Heimlichkeit, womit das ganze städtische Wesenbetrieben wurde, traten alsbald in den Vordergrund. Man erstrebte vor allem Ge-setzlichkeit und unbeschränkte Öffentlichkeit in den Gemeindeangelegenheiten. Die Ari-stokratie, fürchtend, das Bürgerthum möchte allein die Bewegung in die Hände neh-men, kam jetzt und suchte sich der Resormbewegung anzuschließen, ja sogar sich als lei-tende Genossenschaft hinzustellen. Ein großer Theil des Adels, namentlich der kirch-lich gesinnte, an dessen Spitze Graf Arco-Valley steht, hatte schon seit dem SturzeAbel's eine oppositionelle Stellung gegen den König und die Regierung eingenom-men. Man verschmähte es, da zu erscheinen, wo Gräfin Landsfeld sich zeigte. Derreiche Gras hatte selbst, um seine Freude über den Sieg des Volkes und die Ver-treibung der Spanierin vor aller Welt zu zeigen, 5000 Gulden unter die armeBevölkerung Münchens vertheilen lassen. Nach Lola's Austreibung richtete sich derHaß der Einwohnerschaft, der Haß von Jung und Alt vorzüglich gegen den Mann,welcher sich durch die Gunst der Spanierin die wichtige Stelle eines Ministers desinnern erschlichen hatte. Der Fürst von Leiningen aber, der durch seinen wieder-holten Aufenthalt am Hofe zu Windsor das selbständige und nicht selten freisinnigaufopfernde Benehmen der englischen Aristokratie kennen gelernt, ging jetzt damitum, durch eine Verpflanzung dieser englisch-aristokratischen Weise auf deutschen Bo-
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