220 Der pariser Straßenkarnpf vom Juni 1848.
den Insurgenten als Vorwerke; sie suchten aber nicht mehr die Linie der Boulevardszu erreichen und von da aus ins Innere der Stadt vorzudringen, sondern hattenals Operationslinie die Zollmauer gewählt, die in dem ganzen Bereich der Emeutemit Schießlöchern durchbrochen war, durch welche die Insurgenten feuerten. Run-den und Signale machten es ihnen möglich, ihre Kräfte zusammenzuziehen und ihrevereinigten Anstrengungen nach gewissen Punkten hin zu richten. Sie waren Her-ren von mehren Barrieren und dadurch in unmittelbarer Verbindung mit La Bil-lette, La Chapelle, Belleville, Montmartre, wo sie einen Theil der Nationalgardenfür sich hatten und den andern von Paris abschnitten.
Aus Dem, was bisher mitgetheilt worden, geht hervor, daß die Jnsurrection,aus dem Mittelpunkt der Stadt vertrieben, nunmehr in den Außengegenden und be-sonders in zwei Faubourgs concentrirt war, die sie zu festen Plätzen umgeschaffenEs handelte sich also darum, Belagerungen anzustellen; man hatte Nicht mehr nö-thig, die Barrikaden von vorn anzugreifen und zu stürmen, sondern die Linientruppe,die Mobil- und Nationalgarde konnten der Artillerie, der Sappe und Mine, welchendie Hauptrolle gebührte, den Platz einräumen. Während die Kanonen die Barrikadenzerschmetterten, öffneten die Sappeurs einen verdeckten Weg durch die Häuser, sodaßdie Truppen die Insurgenten von oben aus den Fenstern oder von hinten her an-greifen konnten. Dieses Verfahren verzögerte den Erfolg, machte ihn aber gewisserund unblutiger. Die Kirche Saint-Vincent-de-Paule wurde am Morgen eingenom-men. Um 1 Uhr drang der General Lamoriciere ins Mauthgebäude, nachdemdurch Bomben die Thüren gesprengt waren. Haubitzen säuberten den Clos Saint-Lazare, der mit Sturm genommen wurde, und wo man 6000 Gewehre und Kriegs-vorrath in Masse erbeutete. Die Truppen drangen so nach und nach immer weitervor und schnitten zuletzt die Jnsurrection entzwei, indem sie dieselbe einerseits nachMontmartre, andererseits nach La Billette und dem Faubourg du Temple hin zurück-drängten. Bald waren die Barrieren eingeholt und die Verbindungen der Stadlmit La Chapelle-Samt-Denis und Montmartre wiederhergestellt, deren gutgesinnteNationalgarden, aus peinlichem Blokadezustand und erschrecklichen Ängsten erlöst,den Parisern endlich hülfreiche Hand leisten konnten. Ungleich hartnäckiger und mör-derischer gestaltete sich indessen der Kampf im Quartier Saint-Antoine, wo die Jn-surrection Defensivmittel der fürchterlichsten Art aufgeboten hatte. In der StraßeSaint-Antoine waren ungeheure Barrikaden aus Pflastersteinen von 30 zu 30Schritt aufgethürmt, und in den an diese große Verkehrsader stoßenden engen, win-keligen Gassen sperrten ebenso nahe aneinander errichtete und ebenso gewaltige Bar-rikaden den Durchgang. Außerdem hatten die Insurgenten alle Häuser besetzt, welchedie Straße beherrschen und zwischen den innern Höfen Verbindungen hergestellt, dieihnen gestatteten, sich nach allen Punkten des oben beschriebenen Triangels hin zubegeben, ohne daß sie gesehen und beschossen werden konnten. Die Fensteröffnungen,mit Möbeln und Matratzen bestellt, worin sich die einschlagenden Kugeln verloren,waren zu Schießscharten geworden, durch welche die Insurgenten mit Bedacht zieltenund ihre geschicktesten Schützen ein mörderisches Feuer gaben, während ihre Kamera-den ihnen die Gewehre zum Wechseln luden. Am Bastillenplatz waren die Vorkeh-rungen nicht minder drohend. Die Barrikaden, die dort in den ä8 Stunden, wah'rend welcher die Jnsurrection in diesem Quartier die Obergewalt gehabt hatte, nn!Muße und Bedacht errichtet worden waren, konnten für Meisterwerke der Feldver-schanzungskunst gelten. Die einen waren in Form von Glacis angelegt, von derenelastischen Böschungen die Kugeln abprallten, die nun, da sie auf keinen Widerstandstießen, den Kämpsenden über die Köpfe hinwegflogen; andere hatten einwärtsgehendeWinkel, um die Kanonenkugeln aufzufangen oder nach zwei Seiten hin auf die an-rückenden Truppen zu feuern. Eine Barrikade war aus Quadersteinen und behaue-nen Werkstücken gemacht und vollkommen so dick und fest als die Mauern einer mit-telalterlichen Burg. Mehre waren mit Bretern und Bohlen gefüttert, die man ausden Holzhöfen herbeigeholt hatte.