Band 
Erster Band.
Seite
222
JPEG-Download
 

222 Der pariser Straßenkampf vom Juni 1848.

Der General Lamoriciere, nachdem er am 28. Abends die fürchterlichen Positionenauf den Höhen der Faubourgs Poissonniere, Montmartre und La Chapelle-Saint-Denis hatte wegnehmen lassen, traf in der Nacht Anstalten, den Faubourg du Templeeinzunehmen und nachher aus der linken Seite des Faubourg Saint-Antoine zu ope-riren. Am 26. Morgens, nachdem er die ersten Barrikaden am Eingang des Fau-bourg, diesseit des Kanals, bombardirt, ließ er sie mit dem Bayonnet erstürmen,und die Insurgenten, längs des Kanals gebändigt, fanden sich nach den FaubourgsMenilmontant und Popincourt hin geworfen. Die Mobilgarde und Linie gingensodann bei der Straße Saint-Se'bastien über den Kanal und den Faubourg Menil-montant hinauf bis jenseit der Barriere, und richteten von da ihren Marsch nachdem Quartier Popincourt und dem Faubourg Saint-Antoine, wo der Aufstand voll-kommen Herr war und vier Tage gehabt hakte, sich zu befestigen.

Die Hauptstraße des Faubourg Saint-Antoine gehörte in ihrer ganzen Längeden Insurgenten und war streckenweise von ungeheuern Barrikaden durchschnitten.Vom Bastillenplatz bis zur Thronbarriere zählte man deren 65, wovon die vorder-sten aus Quadersteinen und Baumaterialien mit großer Kunst aufgeführt und bei-nahe bombenfest waren; sie hatten bedeckte Gänge, Schießlöcher wie eine Festung,und ein Militairingenieur mußte diese Verschanzungsbauten geleitet und angegebenhaben. Die nach dem Flusse hinlaufenden Querstraßen waren ebenfalls verbarrika-dirt, sowie auch die aus den Kanal zustoßenden oder sich dahin richtenden Gaffen.Auf der mittelsten der drei stärksten Barrikaden am Eingang des Faubourg, vomBastillenplatze her, wehrte die rothe Fahne. Zwischen zwei ebenfalls sehr festen Ver-rammelungen hatten die Insurgenten eine Gießerei eingerichtet, wo sie Kugeln fer-tigten mit einem eigenen Apparat, durch den man viele Kugeln aus einmal gießenkonnte. Das Baumwollenpulver, welches sie verbrauchten, wurde bei einem Paste-tenbäcker fabricirt. Sie versuchten Kanonen aus Gasröhren zu machen, fanden aberzuletzt ein paar alte kupferne von kleinem Kaliber bei einem der sehr zahlreich indiesem Stadtviertel wohnhaften Eisenhändlcr und machten davon Gebrauch. Auchhatten sie, wie es schien, eine Art Mörser verfertigt, woraus sie mehre Kartätschen-salven abfeuern konnten. Fehlte es ihnen an Kugeln, so schnitten sie zuweilen gardie eisernen Gardinenstangen an den Fenstern in Stücke und schössen damit. Sieglaubten so gewiß zu siegen, daß sie von den Einwohnern allerlei Gegenstände re-quirirten und dafür Scheine ausgaben, die von den Chefs unterzeichnet waren undaus dem Stadthause zahlbar lauteten. Die Überzeugung, daß ein Theil des schwe-ren Geschützes, welches sie um sich herum donnern hörten, in den Händen ihrer„Brüder", unter dem Commando von „Freund Caussidiere" sei, bestärkte sie der-maßen in ihrem Irrwahn, daß alle in vermittelnder Absicht eingeleiteten Unterhand-lungen einzelner Volksrepräsentanten, welche als Geißeln festgenommen wurden, undselbst der Schritt des Erzbischofs von Paris, der sich durch seinen evangelischen Hir-teneiser den Märtyrertod zuzog, umsonst waren. Da Güte und Überredung nichtsauszurichten vermochten, mußte mit Gewalt eingeschritten werden. Auf Seiten derInsurgenten waren die drei Hauptstraßen, Rue du Faubourg-Saint-Antoine, Rue deCharenton und Nue de la Roquette, welche wie breite divergirende Strahlen vondem Bastillenplatz aus nach den äußersten Enden des Faubourg fortlaufen, mit star-ken Barrikaden an ihren Einmündungen verschanzt. Der Boulevard Beaumarchais,die Straße Saint-Antoine und der Boulevard Bourdon auf der Stadtseite befandensich im Besitz der Truppen: drei Nedouten, mit Kanonen besetzt, deckten diese drei-fache Angriffsfronte. Der freie Bastillenplatz und der mitten hindurchgehende Kanaltrennte die beiden Lager.

Der General Perrot hatte die oberste Leitung der gegen den Faubourg gerichtetenOperationen. Recurt, Exminister des Innern, und Adam, Adjunct des Maire vonParis, waren bei ihm. Die ersten Morgenstunden wurden zu Schanzarbeiten angewandt.Der General Cavaignac hatte aus Arras und Lafere ein Regiment vom Geniecorpsmit dem nöthigen Belagerungsapparat kommen lassen, und bald erhob sich am Ende