Band 
Erster Band.
Seite
225
JPEG-Download
 

225

Der pariser Straßenkcunpf vom Juni 1848.

an, daß in den ersten Tagen 4000 Insurgenten am Pantheon, 5000 am Hotel»Dien und bei der Kirche Saint-Severin, 6000 am Stadthause und in der Cite,8000 im Clos Saint-Lazare, 20000 im Faubourg Saint-Antoine mitgefochten haben:im Ganzen etwa 40 — 45000 Mann. Viele von ihren Compagnien wurdenvon Individuen im Offiziercostum der Nationalgarde und von Leuten in Civilkleidern,die das rothe Ordensband „der Ehrenlegion trugen, befehligt. Alle diese Bandenhandelten mit erstaunlicher Übereinstimmung; die Richtigkeit ihrer Manoeuvres, derBau ihrer Barrikaden, die Ordnung und Combination ihrer strategischen Maßregelnsehten die erfahrensten Militairpersonen in Verwunderung. Bei einer solchen Leitung,bei den unermeßlichen Hülfsmitteln aller Art, die sie besaßen, begreift man, wie siesich ihres Sieges so gewiß glauben konnten, und welche hitzige Gefechte bestandenwerden mußten, um sie zu überwältigen. Der Sieg verblieb der guten Sache, wurdeaber erst nach heroischen Anstrengungen und mit schmerzlichen Verlusten errungen.Nie wüthete der Bürgerkrieg nüt so furchtbarer Gewalt, und nie floß so viel Bürger-blut, von Bürgerhänden vergossen. Die Zahl der Opfer auf beiden Seiten war un-gemein beträchtlich. Mehre schätzten die Gesammtzahl der Todten und Verwundetenauf 10000, die aber, nach andern Annahmen, wol auf die Hälfte herabzusetzen ist.Die Mobilgarde, meist aus jungen Leuten von 15—20 Jahren bestehend, die in denFebruartagen mitgefochten und dies mal wie die alten Eisenfresser der alten Kaiser-garde gestritten, sodaß man ihnen auch den Ehrentitel der jungen Garde beigelegt,litt am meisten und gab offenbar durch ihr energisches Einschreiten gegen die Meu-terer den Ausschlag zu Gunsten der guten Staatsbürger. Wie verdient aber auchdas Lob sein mag, das der Mobilgarde ihres aufopfernden Betragens wegen vonallen Seiten gespendet wurde, so knüpft sich doch an das Einschreiten dieser Garde«in schreckender Gedanke. Die glückliche Intervention der Mobilgarde hing lediglichnur von einem Zufall ab, und diesem Zufall war augenblicklich das Schicksal vonFrankreich, waren alle Interessen der Civilisation unterworfen; denn ebenso leichtkonnte sich diese Truppe auch zur entgegengesetzten Seite hinwenden und nach derandern Richtung hin den Ausschlag geben. Die erste Colonne Mobilgarde nämlich,die gegen eine Barrikade beordert ward, blieb anfangs ungewiß, was sie thun sollte.Der Schritt, in dem sie anrückte, war schwankend; unweit der Barrikade angelangt,blieb sie, die Gewehre umgekehrt im Arm, ruhig stehen, und bezeigte »»verholenihre Unlust zum Schießen. Da gaben die Ouvriers, die hinter der Verrammelunglauerten, eine Salve in ihre Reihen, und vier Mann stürzten. Dieser tückische An-griff, wovon die Nachricht sich schnell unter ihren Kameraden verbreitete, erbittertedie ganze Mobilgarde aufs äußerste und machte sie so bereitwillig, die Insurgentenvernichten zu helfen. Sie verlor an 1000 Mann, worunter mehre hohe und vieleniedere Offiziere; 723 Mann wurden getödtet oder verwundet; 250 sind ganz verschol-len, und Niemand weiß, wo sie hingekommen. Einige davon mochten freilich zu denInsurgenten übergelaufen sein und dort ihr Ende gesunden haben; aber die meistender Verschollenen sind vermuthlich als Gefangene umgebracht und bei Seite geschafftworden. Die Nationalgarde und Armee erlitten ebenfalls bedeutende Verluste. Umdiese Verluste zu schätzen, braucht man nur die getroffenen Generale zu zählen. Von14 Generalen, welche Kommandos hatten, wurden 11 getroffen; zwei davon, derGeneral Ncgrier, aus den französischen Feldzügen in Afrika her bekannt, und derGeneral Brea, blieben auf dem Wahlplaße; vier, die Generale Francois, Reynaud,Bourgon, Duvivier, starben später an ihren Wunden, und fünf,' Bedeau, Da-mesme, Körte, Lafontaine, Foucher, wurden verwundet. Die Generale Lebreton,Perrot und Lamoriciere kamen mit heiler Haut davon; dem Letzter» wurden zweiPferde unter dem Leibe erschossen. Alte Militairs versichern, daß in keiner Schlachtder Kaiserzeit das Verhältniß der getödteten und verwundeten Generale so beträchtlichgewesen, und daß bei keiner Bestürmung einer Festung oder Redoute so viel Menschengeblieben als bei der Einnahme der pariser Barrikaden in den schrecklichen Junitagen.

Die Gegenwart. I. 15