Band 
Erster Band.
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226 Der pariser Straßenkampf vom Zuni 1848.

Der Juniaufstand hat aber auch durchaus keine Ähnlichkeit mit den ander«Jnsurrectionen, die sich bisher erhoben und Paris mit Blut befleckt haben. Sonstwar es der Kampf zweier politischer Systeme, der Krieg einer von der Regierungausgeschlossenen Minorität gegen die Inhaber der herrschenden Staatsgewalt. Derüberlieferte Staat selbst sollte im Ganzen so bleiben, wie er war, oder wenigstensblos in einzelnen Theilen einer Veränderung unterworfen werden: es kam einzig undallein darauf an, wer ihn lenken sollte. Der sich darüber entspinnende Streit wurdemit leidenschaftlicher Erbitterung, aber fast immer auf loyale Weise, ohne schnödeHeimtücke und Niederträchtigkeit ausgefochten, und ein unnützer Mord empörte dieöffentliche Meinung mehr und erregte größer» Abscheu als die sträfliche Initiativeeiner Meuterei. Dies mal wurde die rothe Fahne, und mir ihr ein furchtbares Prin-cip entfaltet; es hieß nicht mehr: Vivs I-, oüsete! Vlvs la inition! oder Vivs lu li-dsrls! sondern die Aufrührer fochten mit dem Ruf: Vivs I-, rspnblchus clsmoerg-llc,ns st soonilsl, und als Commentar zu dieser Schlachtparole schrieben sie aufeinige ihrer Fahnen: lls plllngs st Is viol! Einer von den Insurgenten, der mitden Waffen in der Hand ergriffen wurde, äußerte: „Alle Leute, die etwas besitzen,sind Spitzbuben; das ist meine Meinung, und blos dafür habe ich mich geschlagen."Ein Anderer, den man fragte, was er unter „demokratischer und socialer Republik"verstehe, gab zur Antwort: „Die Regierung der Ouvriers." Die Nachwelt wird sichsträuben an die grauenhaften Unthaten zu glauben, die von den Insurgenten an denGefangenen verübt worden sind, in einem Jahrhundert, wie das unserige, das sichauf seine vorgeschrittene Gesittung so viel zu gute thut, und in der Hauptstadt einesLandes, welches sich rühmt an der Spitze der europäischen Bildung und Aufklärungzu stehen. Welches Schicksal wäre dieser unglücklichen Hauptstadt aufgespart gewe-sen, wenn die Empörung hätte die Oberhand gewinnen können!

Schwerlich findet man in den Annalen anderer europäischer Völker ein Beispieleines so wüthenden und mörderischen Kampfes. Handlungen unglaublicher Barbareiwurden von den Meuterern verübt, von denen zwar Viele verleitet gewesen sein mö-gen, Viele aber aus wilder Leidenschaft und kannibalischer Mordlust handelten. Diebestimmtesten Nachrichten erlauben nicht an den scheußlichen Excessen zu zweifeln,die von den Insurgenten begangen wurden, und die an die Greuel der wilden StämmeAmerikas erinnern. Es ist unwiderleglich dargethan, daß die spirituösen Getränke,welche man in einigen Quartieren den Mobilgarden und Linientruppen verkaufte, miigiftigen Substanzen vermischt waren, die Einzelnen, welche sie zu sich nahmen, schreck-liche Cvnvulsionen und sogar tödtliche Anfälle verursachten. Als die Insurgentenam Sonnabend Nachmittag sich vom Platz Maubert zurückziehen mußten, wurdenfünf gefangene Offiziere der Mobilgarde von einem Manne in Weiberkleidern miteinem Hackmesser geköpft. Im Quartier Saint-Marceau fand man mehre Mobil-garden an den Handgelenken aufgehängt und mit Säbel- und Bayonnetstichen er-dolcht, und eine von den verhafteten Megären, die man unter den Insurgenten auf-griff, gestand mit schauderhafter Freimüthigkeit: sie habe „drei Lausebuben der Mo-bilgarde die Köpfe und Geschlechtstheile abgeschnitten". Auf einer von den Haupt-barrikaden des Faubourg Saint-Antoinc sah man den verstümmelten Leichnam einesrepublikanischen Gardesoldaten in seiner Uniform mit aufgeschlitztem Bauch und her-aushängenden Gedärmen auf einen Pfahl gespießt. Auf andern Barrikaden warenabgeschnittene Köpfe mit Käppis gleich Vogelscheuchen aufgepflanzt. Ein Kopf, demman Pech in den Mund gegossen und einen Docht hineingelassen, wurde aus einePike gesteckt und als Pechfackel gebraucht. Man zündete den Docht an, und dieElenden, welche diese entsetzliche Barbarei begangen, sangen um diese grausenhasteTrophäe herum den berüchtigten Gassenhauer: vss lumpions! clss lampions! nachdem Takt des Rappclls. Im Clos Saint-Lazare wurden einem gefangenen Jnfan-terieoffizier die beiden Hände abgehauen; er verblutete langsam auf der Erde andiesen gräßlichen Wunden. Einem Dragoner sägte man die Füße ab und setzte ihnsterbend wieder auf sein Pferd. Hinter der Barriere Rochechouart wurde eine Spritzt